"Alle zittern vor dem Verkaufsleiter"

10. März 2010, 17:57
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Die Betriebsrätin der Handelskette Lidl über die Angst um den Job, die Folgen des Spitzelskandals und ihre Arbeit in einem gallischen Dorf

Der Druck auf Mitarbeiter im Diskonthandel steigt, sagt Ulrike Schrammde Robertis. Die Betriebsrätin der Handelskette Lidl über die Angst um den Job, die Folgen des Spitzelskandals und ihre Arbeit in einem gallischen Dorf.

Wien – Wer einmal bei Diskontketten gearbeitet habe, werde nie die Angst los, seinen Job zu verlieren, sagt Ulrike Schramm-de Robertis.

Aber sie wolle Mut machen, sich zu wehren: Gegen das System der unbezahlten Überstunden, die Ar-beit auf Abruf und Demütigungen durch Vorgesetzte. Sie habe lange stillgehalten, wie die meisten Angestellten des Handels. Doch dann sei ihr der Kragen geplatzt. "Es gibt Gesetze, und an die müssen sich auch unsere Arbeitgeber halten."

Schramm-de Robertis arbeitete für Kik und Plus. Heute ist sie Leiterin und Betriebsrätin einer deutschen Lidl-Filiale. Nur sechs der gut 3000 Standorte des Konzerns haben Betriebsräte, sagt sie im Gespräch mit dem Standard, in Ös-terreich gibt es keine. Dass die Beschäftigten einen haben könnten, wenn sie nur wollten, wie die Geschäftsführung stets betont, lässt sie so nicht gelten. "Dafür dass sie nicht wollen, sorgen andere."

Die 44-Jährige hat der Lidl-Belegschaft ein Gesicht gegeben. Sie hat ein Buch über ihre Erfahrungen im Diskontgeschäft geschrieben, und sie arbeitet in ihrer Filiale nach wie vor mehr als 160 Stunden im Monat. Von Verbitterung hält die Deutsche nichts. Sie sei gerne Verkäuferin und könne sich nicht vorstellen, in einer Fabrik arbeiten zu müssen. Sie wolle Lidl auch nicht schlechtreden. Die Bezahlung sei gut, vieles habe sich gebessert, seitdem aufgeflogen ist, dass die Beschäftigten bespitzelt wurden. Die grundsätzlichen Arbeitsbedingungen in der Branche änderten sich aber nur langsam.

Zwang zur Teilzeit

Um die Lohnnebenkosten niedrig zu halten, versuche der Einzelhandel, seine Mitarbeiter in Teilzeit zu zwingen, sagt Schramm-de Robertis. In vielen Filialen gebe es für 17 Beschäftigte nur eine einzige Vollzeitstelle. Manche würden am Tag lediglich für zwei Stunden bezahlt. "Aber wir Frauen müssen davon leben können, viele wollen mehr arbeiten, und man lässt sie nicht." Viele seien bei der Arbeitseinteilung Willkür der Vorgesetzten ausgesetzt. Flexibel und jung müsse man sein und zu jeder Zeit überall zur Verfügung stehen.

Viel Mehrarbeit im Handel bleibe unbezahlt. 60 Stunden pro Woche zu arbeiten und 35 abgegolten zu bekommen, das sei in der Branche die Regel. "Chefs lassen ihre Leute unbezahlt arbeiten, weil sie selbst fürchten, den Job zu verlieren. Jeder zittert vor den Verkaufsleitern, die Verkäuferinnen als das schwächste Glied der Kette halten ruhig." Sie selbst habe für Lidl lange täglich elf Stunden gearbeitet. Nach krankheitsbedingter Pause erhielt ein anderer ihren Job.

Die Vorbereitung zur Gründung eines Betriebsrates erfolgte im Geheimen. Keiner habe gewagt, das B-Wort in den Mund zu nehmen. Lidl habe die Belegschaft dann zu Einzelgesprächen gerufen und mit Psychoterror reagiert. Gescheitert sei immerhin der Versuch, einen Gesamtbetriebsrats für eine Region auf die Beine zu stellen: "Lidl sperrte die dafür nötige Filiale zu."

Dass Taschen und Autos der Beschäftigten auf Diebstahl kontrolliert werden, sei im Diskont allgegenwärtig. Was Bespitzelung betrifft, stimme Lidl nun Kameraeinsätze mit Marktleitern ab, Datenschutz sei großgeschrieben, auch in Sachen Zeiterfassung habe man dazugelernt. Ihre Filiale in Bamberg vergleicht Schramm-de Robertis mit einem gallischen Dorf: Keiner ihrer 17 Mitarbeiter dürfe zu anderen Standorten wechseln. Lidl bemühe sich, sie zu isolieren. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.03.2010)

Ulrike Schramm-de Robertis ist heute abend bei der Veranstaltung Quadriga 03 ab 18:30 im Palais Epstein in Wien zu Gast.

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    Jung, schnell und flexibel muss man sein, um im Diskontgeschäft zu bestehen. Die Überstunden bleiben aber vielfach unbezahlt, klagen Gewerkschafter.

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