"Unflexible Hochschullandschaft geschaffen"

9. März 2010, 20:25
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Andrea Blättler, Vorstandsmitglied der Europäischen Studierendenunion (ESU), über halbierte Studien und den Punkt, an dem "Bologna" zum Scheitern verurteilt wäre

STANDARD: "Bologna", dieser Code für den europäischen Hochschulraum, ist umstritten. Gibt es von der Europäischen Studierendenunion (ESU) ein prinzipielles Ja zum Bologna-Prozess?

Blättler: Auf dem Papier wurde einiges erreicht, darum sagt die ESU auch grundsätzlich Ja zu Bologna, weil wir wollen, dass alle Studierenden in Europa irgendwann einmal gleiche Chancen haben, dass die Qualität der Studien erhöht und Mobilität ermöglicht wird - so sollen zum Beispiel bis 2020 20 Prozent der europäischen Uni-Absolventen während ihres Studiums im Ausland gewesen sein, das unterstützen wir. Aber aufgrund vieler Fehler bei der Implementierung hat man vielmehr eine inflexible Hochschullandschaft geschaffen. Vor allem wollen wir eine soziale Hochschulbildung in Europa. Wenn da nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre ein ganz klarer Fortschritt gemacht wird, finden wir auch, dass Bologna nichts mehr bringt und zum Scheitern verurteilt ist.

STANDARD: Präzisieren Sie bitte "soziale Dimension von Bologna".

Blättler: Es geht dabei vor allem um die Widerspiegelung der Gesellschaft in den Hochschulen. Das hat sehr viel mit Zugang zu tun. Zugangsregelungen sind ja in Österreich gerade ein heißes Thema. Wir glauben, dass jeder Mittelschulabgänger mit einem Fähigkeitsausweis für die Tertiärbildung eine freie Wahl haben muss, sich so zu bilden, wie das den individuellen Fähigkeiten entspricht. Es ist für uns ganz klar, dass man keine Zugangsbeschränkungen schaffen darf - in keinem Fach. Man sollte während der Mittelschule einen beratenden Service zur Verfügung stellen, so dass der oder die Studierende tatsächlich da hingeführt wird, dass er oder sie informiert wählen kann. Ebenso sollten während des Studiums kontinuierlich sinnvolle Leistungsüberprüfungen durchgeführt werden. Dann wird sich das Problem auch bei den Massenfächern regulieren.

STANDARD: Vom Uni-Zugang kommt man schnell zu Studiengebühren.

Blättler: Ja, sie sind das andere, das den Zugang beschränkt. Es gab eine ökonomische Hoffnung, dass man mit mehr Studiengebühren und mehr Stipendiensystemen letztlich die Gleichheit innerhalb der Hochschulen erhöhen kann. Es ist aber so, dass es Studierende aus sozial niedrigeren oder ökonomisch ärmeren Verhältnissen schon abschreckt, ein Studium zu beginnen, weil die Stipendiensysteme nirgends ausreichen.

STANDARD: In vielen Ländern, auch in Österreich, werden Bologna-Umsetzungsprobleme kritisiert. Sind das Fehler, die die Unis gemacht haben, oder die Politik?

Blättler: Die Unis müssen sicher mehr Arbeitsaufwand hineinstecken. Sie haben oft die alten Studienprogramme genommen, sie zweigeteilt und Bachelor und Master genannt. Das ist natürlich nicht die Idee von Bologna. Die Idee ist, sich von Grund auf zu fragen, was soll ein Bachelor-Studium beinhalten, was ein Master, welche Kompetenzen muss ein Bachelor-Absolvent haben, wie können die Studierenden diese Kompetenzen generieren? Diese grundsätzliche Implementierung wurde in ganz wenigen Universitäten realisiert. Aber sie brauchen dafür auch Ressourcen - und das ist das, was fehlt. Die Staaten müssen auf jeden Fall der Hochschulbildung mehr politische Priorität einräumen. Um diesen europäischen Hochschulraum zu realisieren, muss man extrem viel überbrücken, was man vorher an Unterschieden hatte, und um das tun zu können, braucht man viel mehr Lehrpersonal in der Universität.

STANDARD: Soll jeder Bachelor einen Master-Platz bekommen?

Blättler: Ich bin absolut gegen quantitative Übertrittsquoten. Das stützt sich nur auf die ökonomische Situation eines Landes. Hochschule aber ist kein Markt. Hochschulbildung ist ein Menschenrecht. Eben deswegen soll der Zugang zur Bildung frei sein. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 10.3.2010)

Zur Person:

Andrea Blättler (24) studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der Uni Luzern. Die Schweizerin ist Mitglied der Bologna Follow-up Group, dem Steuerungsgremium auf europäischer Ebene, und zurzeit in Wien beim European Student Summit.

  • Studentin Blättler: "Wenn nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre ein klarer Fortschritt gemacht wird, finden wir auch, dass Bologna zum Scheitern verurteilt ist."
    foto: andy urban

    Studentin Blättler: "Wenn nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre ein klarer Fortschritt gemacht wird, finden wir auch, dass Bologna zum Scheitern verurteilt ist."

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