Wie man beweist, ein wilder Hund zu sein

9. März 2010, 09:20
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Moderne Freizeitactionstars müssen ihr Draufgängertum ja irgendwie belegen können. Das öffnet dem Markt für Actionkameras ein weites Spielfeld

So eine Helmkamera ist geil. Aber sie ist auch tückisch. Etwa dann, wenn das soziale Umfeld Zugriff auf den Laptop im Quartier und somit auf das von Hackern, Flüchen und Hangschrägrutschereien unbereinigte Rohmaterial hat: Während einer mit dramatischen Filmaufnahmen aus der Egoshooter-Perspektive unterlegten Erzählung über rasant-waghalsige Abfahrten durch schmale Felsrinnen in stiebendem Pulverschnee "aufgeplattelt" zu werden, ist nicht fein. Schon gar nicht, wenn das bis dahin für Freunde gehaltene Mitreisende mit den Worten "und dann hätten wir noch diese Aufnahmen" tun - und Pflugbogerl- und Spitzkehrenimpressionen zeigen. Der Wilder-Hund-Imageaufbauarbeit ist derlei nicht sehr zuträglich.

"Hero Cam"

Doch es passiert. Auch weil in der Betriebsanleitung jener Kamera, die sich ganz unprätentiös als "Hero Cam" vorgestellt hat, nicht vor dem Peinlichkeits-Outing-Potenzial des kleinen Kistchens gewarnt wird. Obwohl: Vielleicht wird das ja doch irgendwo angeschnitten. Bloß schaut niemand, der sich die (inklusive Schutzhülle) nicht einmal zigarettenpackerlgroße Kamera an- oder umschnallt, überhaupt ins Beiblatt: Das Ding, das derzeit im Alpenraum aus ziemlich vielen Helmen wächst, ist so deppen- wie heldensicher zu bedienen.

Ohne Schnickschnack

Schließlich suchen Helden Abenteuer und wollen dabei nicht über Belichtungszeiten, Schärfe, Blenden oder Weißabgleiche nachdenken. Schon gar nicht wollen sie beim Abenteuerhaben (und -dokumentieren) darauf Rücksicht nehmen müssen, das Gerät zu schonen. Oder zu schützen. Und weil Freizeithelden ja nicht nur Ski fahren, sondern ihre Taten auch beim Surfen, Basejumpen, Kajakfahren oder Mountainbiken belegen müssen, schätzen sie kleine, handliche, robuste und dank einer Vielzahl von Halterungen und Befestigungsmöglichkeiten universell einsetzbare Techno-Spielsachen ohne Schnickschnack. Zumindest äußerlich.

170-Grad-Perspektive

Denn die etwa von Gadget-Rezensenten auf gizmodo.com schlicht mit "the best sports camera I ever used" beschriebene Hero Cam aus dem Hause Go Pro macht nur von außen wenig her: Das rund 200 Euro teure Spielzeug hat weder Sucher noch Monitor - aber die Bilder, die durch die 170-Grad-Optik schlussendlich auf den Bildschirm kommen, verblüffen. Und dass die Kamera "FullHD"-tauglich genannt wird, ist keine PR-Lüge. Auch TV-Profis - etwa der mehrfach preisgekrönte, für ORF und ServusTV tätige Kärntner Kameramann Heribert Senegacnik - sprechen angesichts der Hero Cam von einem "technischen Wunderwerk, das tatsächlich sendbares Material liefert". Und kommen zum Kernproblem jeder Heldensaga: "Aber wen interessieren deine Pflugbogerln?" (Thomas Rottenberg/ DER STANDARD Printausgabe, 9. März 2019)

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    foto: rottenberg
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