Strache über "Anschluss" und Wehrmacht

8. März 2010, 12:26
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FPÖ-Obmann plauderte mit israelischer Tageszeitung über sein Geschichtsverständnis - Strache: Bericht "stark verkürzt"

Wien/Jerusalem - Nicht nur  die freiheitliche Bundespräsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz wagt sich zuweilen auf das Feld der Geschichtsforschung. Auch ihr Parteiobmann Heinz-Christian Strache gab der israelischen Tageszeitung "Haaretz" Auskunft über die Zeit von 1938 bis 1945.

"Neo-Nazis existieren nicht"

Die fünfseitige "Haaretz"-Geschichte trägt den Titel: "Neo-Nazis? No such thig" (übersetzt etwa: "Neonazis - Gibt's gar nicht"). Strache antwortet darin auf Fragen zu seinem Vorgänger und späteren Gegenspieler Jörg Haider, zu seinen politischen Zielen ("Bundeskanzler") - und zu seinem Geschichtsverständnis.

"Die Wehrmacht" wird Strache in "Haaretz" zitiert, habe "Verbrechen wie jede andere Armee begangen, und Wehrmachtsdeserteure sollten behandelt werden wie Deserteure in jeder anderen Armee." Auf die Frage nach Neo-Nazismus habe Strache geantwortet: Dieser sei nur eine Stimmung, "die nicht wirklich existiert".

Kontext zwischen "Anschluss" und Europäischer Union

Das im März veröffentlichte Interview wurde bereits zu Jahresbeginn geführt, und zwar unmittelbar nach Straches Neujahrsempfang in der Wiener Messehalle am 10. Jänner. Strache sei nach seiner Rede zwar heiser gewesen, wirkte aber gut erholt und habe sich keine Ermüdung anmerken lassen. (Der FPÖ-Chef war zu diesem Zeitpunkt gerade von seinem Dubai-Urlaub zurückgekehrt.)

Unter anderem bat "Haaretz" den freiheitlichen Obmann auch um einen Wordrap. Zum Stichwort "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland fiel Strache bloß ein, dieser sei 1938 passiert, "und wir sahen etwas Ähnliches auch während der Entwicklung der Europäischen Union".

Strache weist "Haaretz"-Darstellung zurück

Strache wehrte sich am heutigen Montag per Presseaussendung gegen den Bericht der Zeitung: Zahlreiche Passagen seien "stark verkürzt dargestellt oder aus dem Zusammenhang gerissen" worden. Das Interview sei entgegen einer ausdrücklichen Vereinbarung ohne Autorisierung erschienen.

Der Vergleich des Jahres 1938 mit dem Beitritt zur EU "sollte keinesfalls die EU mit dem Schreckensregime des Nationalsozialismus gleichsetzen, sondern darstellen, dass Österreich mit der EU-Mitgliedschaft in seinen Souveränitätsrechten beschränkt wurde", erklärt Strache.

Für differenzierte Beurteilung von Deserteuren

Weiters stellt Strache klar, dass es außer Zweifel stehe, dass die Wehrmacht Verbrechen begangen habe. Ein Krieg bringe leider oft die niedrigsten Instinkte der Menschen zum Vorschein. Auch andere Armeen hätten Verbrechen begangen. Hinsichtlich der Debatte über Deserteure erklärt Strache, dass eine generelle Rehabilitierung nicht zielführend sei, da Schuld und Unschuld individuell zu betrachten seien. Bezüglich des Themas Neo-Nazismus erklärt Strache, dass es "sicher ein paar vereinzelte Verrückte" gebe, aber diese "völlig bedeutungslos" seien. (red, derStandard.at, 8.3.2010)

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    Auf die Frage nach Neo-Nazismus habe Strache geantwortet: Dieser sei nur eine Stimmung, "die nicht wirklich existiert".

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