"Mehr Mut zur Lücke"

5. März 2010, 15:04
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Rektoren stehen hinter Bologna-Reform, wollen aber mehr Freiheiten und Allgemeinbildung in den Studien verankern

Die österreichische Rektorenkonferenz hat anlässlich des bevorstehenden Bologna-Gipfels eine Bilanz der Reform gezogen, die durchwachsen ausfällt. Rektorenchef Sünkel meint, dass die Ideen der Bologna-Reform - nämlich eine europaweite Vergleichbarkeit von Studien zu implementieren und die Mobilität zu stärken -  nach wie vor zu unterstützen seien. Bei der Umsetzung gebe es allerdings "da und dort" noch Handlungsbedarf.

Nach Ansicht von Rektor Winckler, Uni Wien, müssen nun zwei Punkte in den Mittelpunkt gerückt werden: Einerseits die Aufwertung des Bachelor-Abschlusses am Arbeitsmarkt und andererseits die Stärkung der allgemeinbildenden Komponente in den Studienplänen. "Vielfach wurden die bisherigen achtsemestrigen Studien einfach in sechs Semester hineingepresst", sagte Winkler bei einer Pressekonferenz. "Wir brauchen mehr Mut zur Lücke", bekennt Sünkel in Bezug auf die Reformierungen von Curricula. Diese Freiräume sollten dann von den Studierenden dazu genützt werden, sich selbstständig weiterzubilden. Die "öffentliche Hand" forderte Winckler außerdem auf, Karrieremuster mit Bachelorabschlüssen aufzuzueigen und so eine Signalfunktion für die Wirtschaft zu setzen, um den Bachelor anzuerkennen.

Rektoren verteidigen Autonomie

Durch Bologna habe es eine Bewusstseinsänderung in der Öffentlichkeit gegeben, befindet Rektor Sünkel: "In Österreich wurde Bildung im Vergleich zu Forschung immer wesentlich geringer bewertet. Hier hat es ein Umdenken gegeben." Forschung und Lehre würden nun "auf gleicher Augenhöhe" stehen.

Die Studentenproteste führen die Rektoren nicht auf die Bologna-Reform zurück: "Das hat viel tiefere Ursachen, etwa die wirtschaftliche und finanzielle Situation oder der Druck durch die Globalisierung", so Sünkel. Rektor Winckler merkte an, dass die derzeit wieder aufflammende Zugangsdebatte mit der Bologna-Architektur "nichts zu tun habe". 

Der Ankündigung von Ministerin Karl, die Universitäten notfalls auch mittels gesetzlicher Maßnahme zu einer Reform von Studienplänen zu zwingen, können die Rektoren nichts abgewinnen: "Wir dürfen nicht zurückkehren zum alten System", so Winckler, der keine erneute "Bürokratisierung" will. Rektorenchef Sünkel wünscht sich, dass die Studienpläne in Zukunft noch besser mit den jeweiligen Arbeitsmärkten abgestimmt werden.

Europaweit gibt es derzeit einen "allgemeinen Konsens", dass der Bologna-Prozess fortzusetzen ist. 95 Prozent der Hochschulen in den 46 betroffenen Staaten stimmen einer aktuellen Umfrage zufolge den Zielen von Bologna zu. Im Jahr 2003 waren es nur 50 Prozent. (edt/derStandard.at, 05.04.2010)

  • Rektor Winckler will sich von Ministerin Karl "keine Studienpläne aufs Aug drücken lassen". Die Autonomie der Universitäten müsse erhalten bleiben.
    foto: standard/cremer

    Rektor Winckler will sich von Ministerin Karl "keine Studienpläne aufs Aug drücken lassen". Die Autonomie der Universitäten müsse erhalten bleiben.

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    Dass die Studentenproteste nur ein Resultat der Bologna-Reform sind, glaubt Rektorenchef Sünkel nicht: "Es gibt tiefere Ursachen."

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