"Der normale Mensch ist überfordert"

5. März 2010, 15:00
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Für die Vereinbarkeit von Kind und Karriere gibt es viele Maßnahmen - Das Beispiel "Elternteilzeit" zeigt, dass es nicht immer leicht ist, sich zurecht zu finden

Die Arbeiterkammer oder die eigens eingerichteten "Elternteilzeithotline" können manchmal der Rettungsanker für (werdende) Eltern sein. Dann nämlich, wenn sich Betroffene nicht mehr auskennen. Die politische Ambition der besseren Vereinbarkeit von Kind und Karriere hat auch negative Aspekte mit sich gebracht: kaum noch jemand kann zuordnen, welche familienpolitischen Unterstützungen es gibt und was man in Anspruch nehmen kann. Mutterschutz, Wochengeld, Elternteilzeit oder Kindergeld sind nur einige Schlagwörter, die im Wirrwarr auftauchen, wenn es darum geht, Beruf und Baby unter einen Hut zu bekommen. 

"Der normale Mensch ist überfordert", sagt Doris Artner-Severin, Expertin der Arbeiterkammer. Sie hat kürzlich ein Praxishandbuch verfasst, in dem die wichtigsten gesetzlichen Regelungen zusammengefasst sind. "Ein Buch für besonders interessierte Eltern", meint Artner-Severin. In erster Linie wendet sie sich damit an Arbeitgeber und Betriebsräte, denn auch ihnen falle es oft schon schwer den Überblick zu bewahren. 

Wenige Informationen über Elternteilzeit

Ein Beispiel ist die Elternteilzeit. Dabei geht es darum, dass Eltern nach der Karenz wieder Teilzeit in den Beruf einsteigen - mit einem Kündigungsschutz und der Garantie, nach Beendigung der Elternteilzeit wieder Vollzeit in den Beruf zurückkehren zu können. Die Regelung gibt es seit 2004. 2007 haben 13 Prozent der Eltern Elternteilzeit in Anspruch genommen. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.

Allerdings gilt es Voraussetzungen zu erfüllen: Man muss drei Jahre im Unternehmen beschäftigt gewesen sein und das Unternehmen muss mehr als zwanzig Mitarbeiter haben. In Elternteilzeit können Mutter und Vater gleichzeitig gehen. Es ist aber nicht möglich, dass ein Elternteil in Elternteilzeit geht während der andere iKindergeld beansprucht, was die Arbeiterkammer zuletzt kritisierte.

"Arbeitgeber haben gelernt, damit umzugehen"

Mit der Elternteilzeit setzt sich auch die Unternehmensberaterin und Mediatorin Gerda Ruppi-Lang auseinander. Sie betreut die sogenannte "Elternteilzeithotline", die von Familienministerium gefördert wird. 2009 hat sie 299 Anrufe entgegengenommen und insgesamt fast 80 Stunden lang Eltern und Unternehmer beraten. Sie würde sich wünschen, dass seitens des Ministeriums mehr Informationen verbreitet werden und mehr Aufklärungsarbeit betrieben wird. Denn die Maßnahme an sich hält sie für eine gute. Kurz nach der Einführung sei zwar noch viel Druck auf die Arbeitnehmer seitens der Unternehmen ausgeübt worden, das Modell nicht in Anspruch zu nehmen. Mittlerweile aber "haben die Arbeitgeber gelernt, damit umzugehen". Die Elternteilzeit sei heute fast schon ein "normales Dienstverhältnis". 

Je höher die Qualifikation, desto schwieriger ist es

Anfragen erhält Ruppi-Lang zunehmend auch von Männern. Für Väter ist es oft schwieriger in Elternteilzeit zu gehen, weil es von ihnen nicht erwartet wird. Generell gilt, je höher die Qualifikation bzw. die Stellung im Unternehmen, desto schwieriger ist es für die Betroffenen, so Ruppi-Lang.

Den von der Arbeiterkammer kritisierten Umstand, dass beispielsweise Frauen, wenn der Vater in Karenz ist, nicht in Elternteilzeit gehen können und umgekehrt, verteidigt Ruppi-Lang. Man müsse auch an die Unternehmerseite denken, die ohnehin schon benachteiligt würde.

"Die Informationen sind sehr verhalten"

Sonja Dörfler, Soziologin am Institut für Familienforschung, hat vor zwei Jahren eine Studie zur Elternteilzeit durchgeführt. Auch sie konnte dabei feststellen, dass die Informiertheit in Bezug auf die Elternteilzeit nicht hoch ist. Nur 84 Prozent der Betroffenen wussten überhaupt von der Maßnahme, so Dörfler: "Die Detailinformationen sind sehr verhalten." Diejenigen, die die Regelung aber kennen und auch in Anspruch nehmen, erleben das als wirkliche Verbesserung, sagt Dörfler: "Ein sanfter Wiedereinstieg in den Beruf wird ermöglicht".

14 Prozent Väteranteil bei der Elternteilzeit

Während die Mütter die Vereinbarkeit von Beruf und Familie loben, sehen viele Väter bei der Elternteilzeit die Möglichkeit, auch Zeit beim Kind verbringen zu können. Die Maßnahme kommt bei den Männern auch relativ gut an. 2007 betrug der Väteranteil bei der Elternteilzeit 14 Prozent. Rund vier Prozent sind es aktuell im Vergleich beim Kindergeld.

Schwierigkeiten gibt es oft bei der Lage der Arbeitszeit. Die Arbeitnehmer können bei der Elternteilzeit nämlich festlegen, zu welcher Uhrzeit sie arbeiten werden. Gerade in Branchen wie dem Einzelhandel spießt es sich dabei aber oft mit dem Arbeitgeber. Wenn Mütter aufgrund der gegebenen Kinderbetreuungssituation nämlich ausschließlich am Vormittag arbeiten wollen, schauen die Unternehmer, die Arbeitskräfte auch am Nachmittag brauchen, durch die Finger. Dörfler appelliert deswegen, die Kinderbetreuungsplätze am Nachmittag auszubauen.

"Manche Leute kommen gar nicht in den Genuss"

Dörfler kritisiert auch, dass nicht alle berechtigt sind, die Elternteilzeit in Anspruch zu nehmen, etwa die neuen Selbstständigen. Auf die Erwerbsbiographien junger Leute werde keine Rücksicht genommen: "Es gibt viele prekäre Verhältnisse und manche Leute kommen gar nicht in den Genuss der Regelung." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 5.3.2010)

Link: Studie von Sonja Dörfler zum Download

Buchtipp: Artner-Severin, Doris: Mutterschutz, Karenz und Elternteilzeit, erschienen im Verlag Österreich, € 42

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    Mutterschutz, Wochengeld, Elternteilzeit oder Kindergeld sind nur einige Schlagwörter, die im Wirrwarr auftauchen, wenn es darum geht Beruf und Baby unter einen Hut zu bekommen.

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    Nur 86 Prozent der Eltern wissen, dass sie in Elternteilzeit gehen können.

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