Heiliges Wasser, harte Getränke

12. Juni 2003, 16:11
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Einer Zeitreise gleicht ein Besuch der Thermen der Südtoskana. Für den aktuellen Wellnessboom müssen sich einige davon erst fit machen.

Chianciano ist ein ganz besonderer Ort. Hier fühlt man sich binnen weniger Stunden wie in den Mittsechzigern: um Jahre gealtert und um Jahrzehnte zurückversetzt. Liegt es am gepflegten Dutt der Rezeptionistin im "Hotel Moderno", an dem Porzellanterrier im Entrée, den cremefarbenen Terracottafliesen in der Fußgängerzone oder an den bayrischen Pensionisten, die das Städtchen zumindest in der Nebensaison fest in der Hand haben?

Noch in den 80er-Jahren besuchten jährlich rund eineinhalb Millionen Kurgäste die südtoskanische Kleinstadt, in der schon Kaiser Augustus seine Leberleiden behandeln ließ. Seit die italienischen Krankenkassen die traditionell dreiwöchigen Kuraufenthalte nicht mehr bewilligen, sind es nur noch rund 700.000, ganze drei Viertel der insgesamt 200 Hotels sind im Winter geschlossen, was dem Ort einen eher gespenstischen Charme verleiht.

Trinkkuren und Etruskermuseum

Mit Trinkkuren und einem sehenswerten Etruskermuseum allein, so haben auch die Stadtväter erkannt, ist in Zeiten des Wellness- und Beautybooms kein zahlungskräftiges Publikum mehr anzulocken. Noch spielt der Profiakkordeonist Ermes Losi im Kurpark täglich zum Fünfuhrtee im schicken Pavillon von Pier Luigi Nervi, wo die Damen nach einem übel riechenden Becher "Acqua Santa di Chianciano" durchaus auch zu härteren Getränken greifen. Doch die Altdamen- und -herrenrunde soll bald gestört werden - verspricht zumindest Massimo Rondoni vom Büro für Auswärtige Angelegenheiten, wie die PR-Abteilung hier genannt wird: "Bis 2004", erklärt er stolz, "wird auch Chianciano über eine moderne Wellnesslandschaft verfügen."

Bis dahin kann man sich im "Stabilmento silene", einem seiner Namensgeberin, der etruskischen Jagdgöttin Silene, leider nur entfernt an Grazie gleichenden Betonbau, von einer missmutigen Allessandra den Nacken massieren lassen. - Schließlich brauchen auch die Bauerntöchter aus dem Umland einen Nebenerwerb.

Nicht weniger engagiert geht man im nahe gelegenen Montepulciano in die Zukunft. Der einschlägig bekannte Ort verfügt nämlich auch über schwefel- bzw. kohlensäurehaltiges Thermalwasser, das bisher vor allem bei Atemwegserkrankungen, Rheuma und Arthrosen eingesetzt wurde. Das Rehazentrum kann sich sehen lassen, den auch hier fehlenden Schwimmbereich versucht man durch bemühte Schönheitsbehandlungen und preiswerte Kombiangebote mit umliegenden Ferienhäusern auszugleichen.

Landschaftliche Schönheit

Von der landschaftlichen Schönheit und dem Raffinement der Anlage her hat Bagni San Filippo da schon traditionell bessere Karten. In den Hügeln zwischen dem Val d'Orcia und dem reich bewaldeten Monte Amiata gelegen war die heilsame Kraft des Wassers hier schon seit römischer Zeit bekannt, und Berühmtheiten wie Papst Pio II., Lorenzo der Wunderbare und diverse Medici vergnügten sich an der Thermalquelle oder bei einem Spaziergang zum "Fosso bianco". Dieser weiße Wasserfall, ein Ergebnis von Kalkablagerungen auf dem "spugnone", einem typischen Stein dieser Region, ist bis heute ein beliebtes Ausflugsziel.

Die Thermenanlage und das liebevoll geführte Minihotel versprühen, hat man sich erst an den ständig präsenten Schwefelgeruch gewöhnt, den diskreten Charme der 60ies. Jeden Moment könnten sich am wohlig dampfenden Pool Brigitte Bardot und Anita Eckberg um eine Sonnenliege balgen - aber zum Glück sind davon ja genug vorhanden, und auch unter den natürlichen Wasserkaskaden muss man nicht Schlange stehen.

Mondäne Terme die Saturnia

Ein weitaus größerer Betrieb sind da die mondänen Terme di Saturnia. Immerhin 40 Mio. Euro (inklusive Golfanlagen) wurden in den vergangenen Monaten in die bisher 90 Gästezimmer umfassende Anlage investiert, dabei entstanden 50 neue Zimmer, die ultramodernen Spa-Einrichtungen wurden verdreifacht. Davon profitieren auch die von den Hotelgästen getrennten Kurzbesucher, was bei einer Frequenz von täglich bis zu 1500 Ausflugsplantschern dem allgemeinen Wohlbefinden sicher gut tut.

Italienische Promis lieben die Anlage, was zu einer Sonnenbrillendichte im Becken führt, die man sonst nur aus innerstädtischen Fußgängerzonen kennt. Dass die langen Erschließungsgänge von den Suiten ins Bad, Ergebnis diverser Bauperioden, selbst Bewegungsmuffel fit machen, hat schon bisher niemanden gestört. Und dass das Durchqueren des Restaurants im Bademantel, eine eigenwillige Besonderheit Saturnias, durch den Neubau vorüber sein soll, werden echte Fans sicher nicht zur Kenntnis nehmen. (Der Standard/rondo/11/04/2003)

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