Umstrittener Lieblingsiraker des Pentagons

16. April 2003, 10:35
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Ahmad Chalabi, Chef des oppositionellen Irakischen Nationalkongresses

Wer am E-Mail-Tropf irgendeines US-Falken hängt, wurde zuletzt vermehrt mit Aussendungen bedacht, die nur einen Zweck haben: den Ruhm und die Ehre Ahmad Chalabis zu mehren, des Chefs des Irakischen Nationalkongresses (INC). Der 58-Jährige befindet sich seit Sonntag in Nasiriya im Südirak, was laut Los Angeles Times im US-Außenministerium als "empörend" bezeichnet wird. Denn Chalabi ist der Mann des Pentagons.

Während ihn die einen beschuldigen, den Irak bereits vor dem Krieg in Stücken verscherbelt zu haben (was dem Kriegswillen seiner US-Freunde auf die Sprünge geholfen haben soll), bemühen andere sogar Nelson Mandela: Diesen hatte man ja ebenfalls - wie Chalabi - als Oppositionellen zu diskreditieren versucht (weil er Kontakte zu Moskau hatte). Angesichts der Biografien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wirkt der Vergleich gewagt: Chalabi musste den Irak zwar bereits als Kind nach der Revolution 1958 verlassen, seine Familie war dem damals gestürzten haschemitischen Königtum nahe gestanden. Aber er wuchs dann als Kind reicher Eltern in Freiheit in London auf, studierte später am Massachusetts Institute of Technology und in Chicago, wo er in Mathematik promovierte.

"Chalabi" (sprich: Tschálabi), das war im osmanischen Reich, zu dem der Irak gehörte, ein Ehrentitel, später bezeichnete das Wort ganz allgemein den Stand der muslimischen Kaufleute im Irak. Die weit verzweigte schiitische Familie mit Namen Chalabi war eine der wirklich reichen im Irak, als Banker hatten sie finanziellen und politischen Einfluss. Der brillante und machtbewusste - manche sagen: arrogante - Ahmad Chalabi ging im Exil zuerst andere als politische Wege, er unterrichtete an der American University in Beirut, betätigte sich aber auch unternehmerisch: In den 80er-Jahren gründete er in Jordanien die Petra-Bank, die 1989 mit den Geldern vieler kleiner Anleger Pleite ging, wofür Chalabi wegen fahrlässiger Krida verurteilt wurde.

Laut Chalabi, verheiratet und Vater von vier Kindern, war das ein böses Komplott. Aber auch sein schlechtes Verhältnis zum State Departement hat mit seinem eigenwilligen Umgang mit Geld zu tun: Als er 2002 über 15 Millionen Dollar, die der INC als Unterstützung im Rahmen des von Bill Clinton 1998 unterschriebenen "Iraq Liberation Act" bekommen hatte, nicht ausreichend Rechenschaft geben konnte, drehte ihm Colin Powell seinen TV-Kanal "Hurriya" (Freiheit) ab. Auch die ihm anfangs gewogene CIA, die 1995 einen Umsturzversuch Chalabis aus dem Nordirak unterstützte (dem Clinton im letzten Moment seine Unterstützung entzog), zog sich zurück. Aber Chalabi fand bekanntlich neue, mächtigere Freunde, sie heißen Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und Dick Cheney. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

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