Bundesforste nahmen ihre NS-Vergangenheit unter die Lupe

2. März 2010, 19:06
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Studie über "Reichsforste in Österreich" vorgestellt - Überdurchschnittlich viele Forstleute politisch belastet

Wien - Die staatlichen Österreichischen Bundesforste (ÖBf) haben am Dienstag eine historische Studie über ihren Vorläufer, die "Reichsforste" des NS-Regimes vorgestellt. Ein Team rund um den Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb untersuchte darin den Umfang der nationalsozialistischen "Enteignungen/Ankäufe" von Wald, den Einsatz von Zwangsarbeitern sowie die personellen Kontinuitäten vom "Ständestaat" in die Nazidiktatur, aber auch von dieser in die Zweite Republik.

Bis auf eine Ausnahme haben die Historiker dabei keine Fälle entdeckt, der Gegenstand eventueller Restitutionsforderungen werden könnte, sagte Rathkolb. Man habe sich Lücken in bereits bestehenden Untersuchungen angesehen und sei zum Schluss gekommen, "dass es keine 'offenen Fälle' mehr gibt".

20.000 bis 30.000 Hektar von jüdischen Eigentümern

Von 1938 bis 1945 hatten der NS-Staat 132.000 Hektar Wald angekauft bzw. enteignet/"arisiert", mit dem Ziel, stärkeren staatlichen Zugriff auf die natürlichen Ressourcen zu haben. Von der beschlagnahmten Waldfläche stammten nach der Einschätzung der Zeithistoriker etwa 20.000 bis 30.000 Hektar von jüdischen Eigentümern. Das Ziel der Nazis, 25 Prozent der Waldfläche zu verstaatlichen, sei aber bei weitem nicht erreicht worden.

Nach dem Krieg sind 36 Rückstellungen verhandelt worden, 13 der Fälle endeten dabei in der Rückgabe der Flächen, weitere 15 in Vergleichen, für die die Bundesforste 52 Mio. Schilling (3,78 Mio. Euro) zahlten, sagte ÖBf-Generaldirektor Georg Erlacher. In den Versöhnungsfonds für die NS-Zwangsarbeiter waren 10 Mio. Schilling eingezahlt worden. Der anhängige Fall betrifft ein 156 Hektar großes Grundstück in Gloggnitz an der Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark, in dem der in den 50er-Jahren vereinbarte Verkaufspreis beeinsprucht wird.

In der Untersuchung der eingesetzten Zwangsarbeiter erfassten die Historiker 1.400 Personen, bis auf 5 Prozent alles Männer. Fast ein Drittel der Zwangsarbeiter kamen aus der Sowjetunion.

Erlacher, dessen Unternehmen die Studie mit 100.000 Euro finanziert hat, sprach von einer "Zwischenbilanz, wir werden uns auch in Zukunft mit dem Thema intensiv zu beschäftigen haben". Als öffentliches Unternehmen sei man sich der Verantwortung und Verpflichtung zu Offenheit und Transparenz bewusst". Das erarbeitete Wissen solle unternehmensinternen Schulungen, aber auch in der Försterausbildung außerhalb des Unternehmens zur Verfügung gestellt werden.

Fruchtbarer Boden für Nazi-Ideologie

 

Ein hoher Prozentsatz der Angestellten der österreichischen Bundesforste dürften bereits vor dem März 1938 Mitglieder der NSDAP gewesen sein, umgekehrt sind auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs ein 58-prozentiger Anteil der Bundesforste-Beschäftigten frühere NS-Anhänger ("Minderbelastete") gewesen, geht aus den Auswertungen der Historiker hervor.

Eine Ursache des hohen NS-Anteils unter dem "Fußvolk" der Angestellten suchen die Historiker in der Nazi-Ideologie. Viele der Minderbelasteten wurden ab 1947 wieder in die Bundesforste aufgenommen.

Eine personelle Kontinuität hat es auch bei etlichen höhergestellten Schlüsselpersonen gegeben. Der NS-Beauftragte für das Forstwesen, Julius Güde etwa, sei jahrelang in leitender Funktion in den Bundesforsten der Ersten Republik und des Austrofaschismus tätig gewesen, ehe er sich knapp vor der NS-Machtergreifung den Nationalsozialisten zugewandt hat, schilderte Rathkolb.

Der Hofrat aus dem konservativen Beamtenmilieu habe dem verbreiteten "Typus" des Elitebeamten entsprochen, der sich nach 1938 "skrupellos in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt" habe. In einem anderen Fall habe ein mit Arisierungen beschäftigter Reichsforste-Jurist nach 1945 in Restitutionsprozessen als Bundesforste-Vertreter agiert. (red/APA)

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