Bericht von der anderen Seite der Front

3. März 2010, 06:58
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Der afghanische Journalist Najibullah Quaraishi begleitete Taliban-Kämpfer bei einem Angriff auf NATO-Truppen

Dass Journalisten NATO-Kampftruppen in Afghanistan bei ihren Einsätzen begleiten, um an möglichst spektakuläres Material zu kommen, ist nichts Neues. Der Afghane Najibullah Quaraishi, der durch die Mitarbeit an der Dokumentation "The Convoy of Death" bekannt wurde, berichtet in seiner vom US-Sender PBS ausgestrahlten Reportage "Behind Taliban Lines" von der anderen Seite der Front.

Quaraishi war für ein Interview mit einem Taliban-Sprecher in die nordafganische Provinz Bhaglan gereist. Dass ihm seine vermummten Kontaktpersonen dann anbieten würden, in ein nahegelegenes Dorf mitzukommen, um das Alltagsleben der Mudschahedin kennenzulernen, hatte er nicht erwartet. Der Reporter begleitet die Kämpfer der "Zentralfront der Hezb-e-Islami", die unter dem Kommando des umstrittenen Warlords Gulbuddin Hekmatyar stehen, bei einem Angriff auf die Straße, die von der tadschikischen Grenze über Kunduz nach Kabul führt. Die NATO benutzt diese Route verstärkt für Nachschubtransporte, weil es auf der Hauptroute von Peshawar nach Kabul immer wieder zu Angriffen auf Konvois kommt.

Vor dem Angriff lassen sich mehrere Kämpfer noch die Haare schneiden, Waffen werden geputzt und eine Einsatzbesprechung abgehalten. Dorfbewohner übergeben den " Hezb-e-Islami"-Männern Waffen und Munition, die sie seit dem Krieg gegen die Sowjetunion aufbewahrt hatten.

Beim Bombenbau will der usbekische Sprengmeister der Aufständischen dann lieber doch nicht gefilmt werden. Es gelang Quaraishi aber, die Kamera weiterlaufen zu lassen. Die Aufnahme zeigt, wie die Kämpfer die Hülse einer Artilleriegranate mit Pulver füllen und streng nach ihrem Handbuch verkabeln. Zur Fernzündung wird ein Mobiltelefon verwendet.

Im Schutz der Dunkelheit installieren die Aufständischen zwei Sprengsätze am Straßenrand und warten dann auf den Anruf eines Beobachters, der nahende Militärfahrzeuge melden soll. Als es nach stundenlangem Warten schließlich soweit ist, versagt allerdings der Zündmechanismus. Darauf kommt es zu einem Streit zwischen dem Kommandanten, der die Aktion per Telefon befehligt, und den Kämpfern: "Du sitzt auf weichen Baumwollkissen, während wir hier frieren!", werfen sie ihm vor.

Schließlich wird Quaraishi gewarnt, dass zwei Neuankömmlinge aus Pakistan sich über seine Anwesenheit beschwert hätten. Die Männer hätten gefordert, ihn als Spion zu enthaupten. Nach seiner überstürzten Flucht befragte der Journalist die örtliche Polizei. Der Postenkommandant versichert ihm, dass es auf dieser Straße seit einem Monat keine Anschläge mehr gegeben habe. Ein Monat später überfielen Kämpfer der "Zentralfront" die Polizeistation und töteten alle acht Sicherheitsbeamten, die sie dort antrafen. (bed/derStandard.at/3.3.2010)

Links

New York Times: The Afghan Side of War

Das ZDF-Auslandsjournal brachte Ausschnitte aus der Reportage mit deutschem Text: Teil 1, Teil 2

  • Najibullah Quaraishi musste einen Fluss durchqueren, um seinen Kontaktmann zu treffen
    screenshot: derstandard.at

    Najibullah Quaraishi musste einen Fluss durchqueren, um seinen Kontaktmann zu treffen

  • Der Kommandant der "Zentralfront", derQuaraishi einlud.
    screenshot: derstandard.at

    Der Kommandant der "Zentralfront", derQuaraishi einlud.

  • Nach dem fehlgeschlagenen Angriff streiten die Aufständischen.
    screenshot: derstandard.at/pbs

    Nach dem fehlgeschlagenen Angriff streiten die Aufständischen.

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