Wenn Ostdeutsche in Tirol Knödel servieren

1. März 2010, 19:00
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Die Gegensätze zwischen Österreichern und Deutschen sind manchmal kleiner als gedacht, sagen die Autoren Karin Moser, Hannes Leidinger und Verena Moritz. Für die Identität sind sie aber wichtig. Von Julia Raabe.

STANDARD: Córdoba ist über 30 Jahre her, aber trotzdem wird es immer wieder bemüht, wenn ein Spiel gegen Deutschland ansteht. Warum?

Moser: Córdoba war ein Grundelement der Identitätsfindung. Seit Ende der 70er Jahre, Anfang der 1980er Jahre war Österreich international stärker präsent, durch die Initiativen von Bruno Kreisky, Gipfelkonferenzen, die Uno-City wurde gebaut. Man hatte das Gefühl, man ist wieder jemand. In Córdoba hat man gemerkt, dass der Grundstein der Nation gelegt wurde – und offenbar brauchte man die Deutschen, um sich als Nation zu fühlen.

Leidinger: Seit der Entstehung eines österreichischen Nationalgefühls musste man sich ständig an den Deutschen reiben. Dementsprechend verkrampft war diese Nationsbildung in den ersten Jahren nach 1945.

STANDARD: Die gemeinsame Vorgeschichte geht ja weit in die Vergangenheit zurück.

Leidinger: Das Heilige Römische Reich ist so etwas wie eine gemeinsame Vergangenheit. Die Rückbesinnung darauf mündete mitunter in einen verheerenden Deutsch-Nationalismus. Man fühlte sich hierzulande aber auch ohne solche Reminiszenzen als eigentlich deutsch. Es gibt eine Umfrage von 1956, da waren immer noch 46 Prozent aller Österreicher der Meinung, dass sie zur "Gruppe des deutschen Volkes". Wann endet eine gemeinsame Geschichte? An Königgrätz kommt man nicht vorbei.

STANDARD: ... also die Schlacht zwischen Preußen und Österreich 1866, nach welcher der Militärmusiker Johann Gottfried Piefke den Königgrätzer Marsch spielte, daher der Ausdruck Piefke.

Moritz: Königgrätz – wer kann heute damit noch etwas anfangen? Das ist so ein Schlagwort. Aber was dahintersteckt, ist nur mehr sehr wenigen präsent.

Leidinger: Genau genommen, war es bis Córdoba in einer breiteren Öffentlichkeit nicht wirklich vorhanden. Aber plötzlich heißt es dann bei einem Fußballspiel: Rache für Königgrätz. Da merkt man, wie solche Mentalitäten abrufbar und instrumentalisierbar sind. Königgrätz war ein Trauma.

Moser: Aber nicht nur 1978, sondern es wurde 20 Jahre später auch noch herausgehoben, durch Bürgermeister Michael Häupl. Das ist schon erstaunlich. Aber man sieht, dass durch die Distanz zu Deutschland auch die eigene Nation begründet wird.

STANDARD: Also entsteht die österreichische Nation nur in Abgrenzung zum Deutschen?

Leidinger: Historiker haben versucht zu zeigen, dass die Idee vom preußischen Militärstaat in gewisser Weise ein Klischee war, um Österreich davon abzusetzen. Österreich hat unter Joseph II dieselben Militarisierungsmaßnahmen durchgeführt. Man hat hier den Gegensatz zwischen Kaffee und Walzer, Weichheit und Musikalität auf der einen Seite – und die Strenge, den Paradeplatz auf der anderen Seite. Dieser Gegensatz wird im 18. Jahrhundert nicht mehr greifbar. Er ist konstruiert. Nach 1945 wurde angestrengt versucht, die Existenz des neuen Österreich historisch rückzuprojizieren. Im Mittelalter hätte es schon so etwas wie ein Länderkonglomerat gegeben, welches das spätere Österreich vorwegnimmt. Aber die Kronländer hatten ziemlich eigenständige Ideen davon, was mit ihnen geschehen sollte. Wie ist es sonst verständlich, dass sie nach 1918 gar nicht alle zu Österreich gehören wollten? Es ist sehr fragwürdig, ob sie damals so etwas wie eine Einheit gebildet haben auf dem heutigen Territorium.

STANDARD: Das heißt: Die beiden Länder haben historisch mehr Gemeinsamkeiten und weniger Unterschiede, als sie sich zugestehen?

Leidinger: Das sehe ich so. Man sieht historisch in vielem ein bemühtes Abrücken, das bis hin zu Geschichtskonstruktionen geht.

Moritz: Das zeigt sich auch in unserem Bewusstsein Deutschland gegenüber. Die Heterogenität von Deutschland ist in Österreich nicht Common Sense. Ich finde es auch bezeichnend, dass im Tourismus von allen ausländischen Gästen in Deutschland nur 0,5 Prozent aus Österreich stammen. Umgekehrt sind es 30, 40, in den besten Zeiten bis zu 50 Prozent deutsche Touristen in Österreich. Also wie viel wissen die Österreicher auch vom eigenen Erleben her über Deutschland? Was weiß man voneinander? Der Deutsche – was oder wer ist das eigentlich?

STANDARD: Ist das auch ein Grund für das schwierige Verhältnis: dass man zu wenig voneinander weiß?

Moritz: Es ist auch liebgewonnene Traditionspflege, aufeinander loszugehen – in bestimmten Situationen, ob bei der Sportberichterstattung oder anderen Wortspenden.

STANDARD: Die jüngste Debatte über Deutsche in Österreich dreht sich auch um das Faktum, dass Deutsche bald die größte Einwanderungsgruppe sein könnten. Inwieweit ist das die alte Angst nach dem Motto: Die Piefkes kommen?

Leidinger: Ein kleines Land und Zuwanderung – das ist bei uns immer Thema. Aber es hat eine deutsche Sondernote. Es geht um Führungspositionen. Da erwacht der Gedanke: "Wenn sie kommen, übernehmen sie wieder die Kommandostellen". Sie übernehmen unsere Verlage, unsere Professorenposten, die Firmen. Das sind echte Ängste. Da löst das Migrationsthema auch auf Universitäten interessante Reflexe aus.

Moritz: Manche Österreicher beobachten es mit einem gewissen Amüsement, wenn Ostdeutsche ihnen in Tiroler Alpenhütten die Speckknödel servieren. Aber genau das ist eigentlich die Ausnahme: Die meisten Deutschen, die hier herkommen, arbeiten in den mittleren bis gehobenen Positionen.

Leidinger: Wir haben den Ossi auch gerne als Projektionsfläche einer Ösi-Minderwertigkeit gesehen – und jetzt kommt er und will Professuren haben. Fakt ist, dass die Ängste vorhanden sind. Dieser Futtertrog-Neid ist noch da.

Moser: Die Studenten haben es in der Uni-Debatte aber anders gemacht. Zumindest von ÖH-Seite aus wurde versucht, das über die EU-Ebene zu spielen und zu sagen: das ist eine völlig falsche Herangehensweise, und das betrifft nicht nur Österreich, sondern auch Deutschland und alle anderen EU- Länder. Man hat versucht, gemeinsam etwas zu schmieden und das auf einer anderen Ebene zu behandeln.

STANDARD: Stichwort EU: Treten die deutsch-österreichischen Gegensätze damit in den Hintergrund?

Moser: In den Schulen wird stark darauf geschaut, mehr europäische Geschichte zu bringen. Es ist schwer zu sagen, wie sich die EU auf das Verhältnis auswirken wird. Aber im Allgemeinen scheint es eher nachzulassen. Auch weil eine neue Generation heranwächst, für die das nicht mehr so wichtig ist. Wenn man sich Kinder anschaut oder Jugendliche – da gibt es sehr viel mehr Parallelen, die einfach über das Fernsehen transportiert werden. Bis hin zum Humor: deutsche Kabarettisten sind sehr populär, die vielleicht vor 15, 20 Jahren hier nicht so ein breites Feedback bekommen hätten.

Moritz: Obwohl gerade im Boulevard und Entertainment dieser Gegensatz, liebevoll bis gehässig, weiterhin gepflegt werden wird. Wahrscheinlich auch generationsspezifisch. Im Umfeld der EU scheint sich aber auch das Thema des österreichischen Minderwertigkeitskomplexes gegenüber Deutschland langsam aufzulösen.

Leidinger: Da bin ich mir nicht so sicher, wenn die Maria Riesch so erfolgreich ist – und wir als Alpinnation nicht. Da hört sich der Spaß auch schon wieder auf. Man sucht sich Ersatzwelten, in denen man wieder Großmacht sein kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.3.2010)

Zur Person

Der Historiker Hannes Leidinger, geb. 1969, lehrt am Institut für Geschichte der Universität Wien. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Entwicklung Österreichs im 19. und 20. Jahrhundert. Verena Moritz, geb. 1969, ist Lektorin am Institut für Geschichte der Uni Wien und arbeitet an Forschungsprojekten zur österreichischen und russischen Geschichte des 20. Jahrhundert. Karin Moser, geb. 1974, ist Filmhistorikerin, Lektorin an der Universität Wien und Mitarbeiterin am Filmarchiv Austria.

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    Deutsche Fans bei der Fußball-EM 2008 in Österreich: Die deutsche Niederlage gegen Österreich im WM-Spiel im argentinischen Córdoba 1978 wird bis heute bei jedem Länderspiel thematisiert.

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Die Autoren Verena Moritz, Hannes Leidinger und Karin Moser (v. links): 
"Der Futtertrog-Neid ist noch vorhanden."
    foto: robert newald

    Die Autoren Verena Moritz, Hannes Leidinger und Karin Moser (v. links): "Der Futtertrog-Neid ist noch vorhanden."

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