Promillefahrt stoppt "Popstar der Protestanten"

24. Februar 2010, 18:54
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Margot Käßmann ist nicht länger Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland

Ihr letzter Auftritt als Chefin der Protestanten war kurz und nicht unemotional. Nur sechs Minuten dauerte die Pressekonferenz am Mittwoch, bei der Käßmann ihren Rücktritt erklärte. Sie könne "nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben", sagte die Bischöfin, die Samstagnacht mit 1,54 Promille im Blut in Hannover eine rote Ampel ignoriert hatte.

"Du kannst nicht tiefer fallen"

Aus der Vergangenheit und anderen Schicksalschlägen aber habe sie gelernt: "Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand." Bei der Pressekonferenz waren auch Käßmanns vier Kinder anwesend. Gleichzeitig legte die 51-Jährige auch ihr Amt als Landesbischöfin von Hannover nieder. Sie will künftig nur noch als einfache Pastorin arbeiten.

Der Rat der evangelischen Kirche hatte Käßmann zuvor (nach einer nächtlichen Krisenberatung) noch freie Hand bei ihrer Entscheidung gelassen - kein Abrücken von ihr, aber auch keine ausdrückliche Bitte zu bleiben, war von dem Gremium ausgegangen. Käßmanns Nachfolger wird ihr bisheriger Stellvertreter, Nikolaus Schneider, der seit 2003 Präses der evangelischen Kirche im Rheinland ist.

Kritik an Afghanistan-Einsatz 

Für die evangelische Kirche ist Käßmanns Rücktritt ein harter Schlag. Sie gilt in Deutschland als "Popstar der Protestanten", sie war erst im Oktober - als erste Frau - in ihr hohes Amt gewählt worden. Viele halten sie für sehr glaubwürdig und authentisch, weil sie auch ihren eigenen menschlichen Schwächen nie ein Hehl gemacht hat.

Sowohl ihre Scheidung als auch ihre Brustkrebs-Erkrankung thematisierte Käßmann öffentlich. Zuletzt hatte sich die charismatische Bischöfin, die auch in Talkshows gern gesehen war, mit der Bundesregierung angelegt und den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan kritisiert ("In Afghanistan ist nichts gut").

Führerschein weg

Glimpflicher dürfte Käßmann bei Staatsanwalt Jürgen Lendeckel davonkommen. Er rechnet mit einem zügigen Abschluss des Verfahrens, da nicht davon auszugehen sei, dass Käßmann bei ihrer Alkoholfahrt mit ihrem Dienstwagen, einem VW Phaeton, andere Verkehrsteilnehmer konkret gefährdet habe. Für die Justiz sei daher nur der ermittelte Wert von 1,54 Promille relevant. Käßmann droht aber Führerscheinentzug bis zu einem Jahr und außerdem eine Geldstrafe in Höhe eines Monatsgehalts.(Birgit Baumann, DER STANDARD Printausgabe, 25.2.2010)

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    Nicht lange im Amt: Margot Käßmann war erst im Oktober zur Vorsitzenden der Evangelischen Kirche gewählt worden

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