Gibt es die Talibanhochburg Marjah überhaupt?

25. Februar 2010, 16:53
113 Postings

Der afghanische Provinzort, der gegenwärtig im Zuge der Operation Mostharak der Koalitionstruppen umkämpft ist, sorgt für Verschwörungstheorien

Die User "Perynt" und "Marcus Maccabaeus" posten zu einem Artikel über Afghanistan: "Eine Stadt 'Marjah' kann ich nirgends finden, der Wikipedia-Eintrag ist auch gerade mal zwei Monate alt und dort befinden sich nur 50 Bauernhöfe. Der Trick ist offensichtlich: man 'befreit' irgend ein Kaff, das es gar nicht gibt. Also, meine bitte an die Presse, Redaktion bzw. an den 'Standard', Ihr habt doch 'Qualitätsjournalismus', könntet Ihr nicht auch mal zur Abwechslung auf eigene Faust recherchieren?"

Machen wir doch glatt. Also: Marjah existiert definitiv, auch wenn dieser in den Foren viel zitierte  Blog nicht dieser Meinung ist. Und zwar mit unterschiedlichen Schreibweisen: Marja, Marjeh, Mardscha. Zu finden auf Google-Map oder Bing-Map, nach mehreren Updates jetzt auch auf wikipedia.


Größere Kartenansicht Google-Map von Marjah in Afghanistan

Conrad Schetter vom Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung erklärt im Gespräch mit derStandard.at, warum Orte in Afghanistan allgemein schwierig zu lokalisieren sind: "Eine territoriale Erfassung gibt es kaum. Das liegt daran, dass Ortschaften häufig ihren Namen ändern - etwa wenn ein Stammesführer stirbt. Weiters wird eine Ortschaft auch je nach Gesprächskontext anders benannt. Das führt zu einer großen Verwirrung, wenn man versucht, eine Ortschaft zu lokalisieren."

Eine andere Frage ist, ob es sich bei Marjah tatsächlich um eine "Stadt" handelt, wie von westlichen Medien beschrieben. Der Deutsche Thomas Ruttig der für die Vereinten Nationen über zehn Jahre in Afghanistan als Aufbauhelfer tätig ist, erklärt: "Marjah ist bestimmt keine Stadt. Auch viele der afghanischen Provinzhaupt'städte' sind keine Städte, sondern tatsächlich 'eine Ansammlung von Lehmhütten' (wie in dem oben erwähnten Blog steht). Auch in Kabul weiß man nicht genau, wo die Stadt aufhört und die Peripherie beginnt. Allerdings dürfte der Ort Marjah tatsächlich nach der Zahl seiner Einwohner seit 20 Jahren deutlich angewachsen sein. Und tatsächlich: Marjah ist kein eigener Distrikt, deshalb etwas schwer zu finden."

Eine Studie des Institute for the Study of War beschreibt Marjah so: "Die Stadt Marjah befinden sich in der südlichen Hälfte des Distrikts Nad Ali, einem relativ flachen Farmland, das von engen Kanälen durchzogen ist und auf dem kleine Lehmhäuser verteilt sind. Marjah liegt 25 Meilen südwestlich von Lashkar Gah, der Provinzhauptstadt von Helmand. Laut Presseberichten hat Marjah zwischen 50.000 und 80.000 Einwohner, diese Angaben beziehen sich jedoch eher auf den gesamten Distrikt von Nad Ali. Die Einwohnerzahl von Marjah und den umliegenden Dörfern beträgt sicherlich weniger als 50.000."

Aktuelles CNN-Video der Operation Moshtarak bei Marjah

In der oben genannten Studie wird auch erklärt, warum Marjah eine Taliban-Hochburg wurde (was in manchen Postings bezweifelt wird): "Marjah wurde zu einem wichtigen Kommando-Zentrum der Taliban, nachdem diese von den US-Marines aus Garmser vertrieben wurden. Marjah ist und war immer ein beliebtes Terrain der Taliban. Es ist leicht zu verteidigen, schwer anzugreifen und die Bevölkerung unterstützt entweder die Taliban oder ist ihnen gegenüber machtlos. Weder afghanische noch Koalitionstruppen haben in dieser Gegend bisher genügend Präsenz gezeigt, um der Infiltration durch in- und ausländische Talibankämpfer, der Heroinproduktion oder der Produktion von Sprengfallen etwas entgegen zu setzen. Der vermutlich wichtigste Aspekt: Die lokalen Opium-Bauern haben mit den Taliban offenbar eine Allianz geschmiedet, um ihre Felder zu beschützen."

Fazit: Marjeh existiert - genauso wie Bielefeld auch. Die Einwohnerzahl ist nicht genau bekannt, höchstwahrscheinlich auch nicht den lokalen Behörden. Marjeh ist eine Talibanhochburg, aus der diese selbst ihre Propanda-Aussendungen schicken. Wieviele Taliban es in dieser Gegend genau gibt und wie gefährlich diese tatsächlich sind, ist unbekannt. Bekannt ist hingegen, dass die Koalitionstruppen bei der Operation Moshtarak auf teils heftigen Widerstand und auf sehr viele Sprengfallen stoßen. (rasch, derStandard.at, 24.2.2010)

Sie haben eine Frage an die Redaktion? Hier können Sie diese an uns schicken.

Share if you care.