Lulas umstrittene Nachfolge-Favoritin

21. Februar 2010, 18:40
19 Postings

Die Präsidentschaftswahl in Brasilien Oktober soll die Ex-Guerillafrau Dilma Rousseff gewinnen. So stellt sich das zumindest Staatschef Lula vor

Brasilia/Porto Alegre - "Es wird weder Rückschritte noch Abenteuer geben" , ruft Dilma Rousseff im Kongresszentrum von Brasília. Die energische Frau mit den kurzen Locken und dem roten Kleid, die im Oktober zur Präsidentin Brasiliens gewählt werden will, ist gerade von den 1400 Delegierten der linken Arbeiterpartei per Akklamation zur Kandidatin gekürt worden. Hinter ihr ist ein riesiges Foto aufgezogen, das sie zusammen mit dem populären Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva zeigt, darüber der Spruch: "Mit Dilma auf dem Weg, den uns Lula gezeigt hat" .

In seinem achten und vorläufig letzten Amtsjahr haben vier von fünf Brasilianern eine hohe Meinung von Lula. Dennoch hat der charismatische Ex-Gewerkschafter - anders als manche seiner Kollegen - eine Verfassungsänderung nicht einmal erwogen, die ihm eine zweite Wahl in Folge ermöglicht hätte. Stattdessen erkor er schon vor zwei Jahren seine Präsidialamtsministerin, eine effiziente und geradlinige Technokratin, im Alleingang zur Wunschnachfolgerin. Seine Partei folgte ihm jetzt.

Auf dem Nominierungsparteitag am vergangenen Samstag zeigte sich jedoch, wie schwer es der 62-jährigen Politikerin fallen wird, im Wahlkampf in die Fußstapfen ihres Mentors zu treten. Während der begnadete Redner Lula im Handumdrehen jedes Publikum für sich einnimmt, fällt es Rousseff schwer, sogar das eigene Parteivolk zu begeistern. Auch im Umgang mit Kabinettskollegen lässt sie oft Fingerspitzengefühl vermissen.

Schillernde Biografie

In ihrer Rede sprach sich Rousseff für sozial- und außenpolitische Kontinuität sowie die weitere Stärkung des Staates in der Wirtschaftspolitik aus. Zwölf Millionen arme Familien bekommen derzeit monatliche Haushaltszuschüsse. Dank eines behutsamen sozialdemokratischen Kurses und eines jahrelangen Rohstoffbooms hat Brasilien die Weltwirtschaftskrise gut überstanden, seit 2003 wurden zwölf Millionen reguläre neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Verelendung von Teilen der Bevölkerung scheint gestoppt, geblieben ist jedoch die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich.

Rousseff kann auf eine schillernde Biografie verweisen. 1967, drei Jahre nach Beginn der brasilianischen Militärdiktatur, ging sie als Studentin in den Untergrund, beteiligte sich an mehreren Banküberfällen und stieg in die Führungszirkel der Stadtguerilla auf. 1970 wurde sie verhaftet, gefoltert und verbrachte drei Jahre im Gefängnis.

Als erfolgreiche Energieministerin des südlichen Bundesstaats Rio Grande do Sul verschaffte sie sich schon vor zehn Jahren Respekt. Unter Präsident Lula war sie zunächst Ministerin für Bergbau und Energie. Seit 2005 ist sie als Präsidialamtsministerin für die Koordinierung und Umsetzung der Regierungspolitik verantwortlich.

Wie für Lula ist dabei Wirtschaftswachstum ihre oberste Priorität - zur Not auch auf Kosten des Umweltschutzes. Großstaudämme liegen ihr mehr als Windkraftparks. Auch deswegen ist ihr eine unvermutete Kontrahentin erwachsen: Die frühere Umweltministerin Marina Silva, die 2007 nach mehreren Niederlagen zurücktrat, verließ letztes Jahr die Arbeiterpartei, um als Präsidentschaftkandidatin der Grünen antreten zu können. Die Umfragen führt aber José Serra an, der 2002 Lula unterlegen war und derzeit als Gouverneur des Bundesstaates São Paulo amtiert. Doch bis zur Wahl kann noch viel passieren. (Gerhard Dilger, DER STANDARD, Printausgabe 22.2.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In den Fußstapfen des Mentors: Die einst linksrevolutionäre Kämpferin Dilma Rousseff kandidiert für die Nachfolge von Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.

Share if you care.