"Die Raketenabwehr wird uns umbringen"

19. Februar 2010, 17:57
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Experten aus Israel und Großbritannien diskutierten in Innsbruck Perspektiven für Nahost

Wien - Gegen einen nuklear gerüsteten Iran gibt es für den israelischen Experten Reuven Pedatzur nur ein Rezept: "Ein Gleichgewicht des Schreckens." Gegenseitige Abschreckung sei die einzige Möglichkeit, um im Nahen Osten für Stabilität zu sorgen, sagte der Professor der Universität Tel Aviv und Ha'aretz-Journalist am Freitag an der Diplomatischen Akademie - umso mehr nach den jüngsten IAEO-Erkenntnissen zum Iran. Eine Bedingung: keine israelische Raketenabwehr. "Wenn die Raketenabwehr eine Medizin ist, wird sie uns umbringen."

Die Logik stammt aus den eisigsten Zeiten des Kalten Krieges. Pedatzur bezog sich in seiner Argumentation direkt auf Robert McNamara: Der frühere US-Verteidigungsminister (1961-1968) sei anfangs ein Verfechter eines US-Raketenabwehrsystems gewesen. Aber: "Kein Abwehrsystem kann eine 100-prozentige Verteidigung bieten." Bei einem nuklearen Angriff seien die Folgen eines nur zum Großteil funktionierenden Abwehrsystems - Millionen Opfer - aber "unerträglich". Schlussfolgerung: "Raketensystem abschaffen und sich auf gegenseitige Abschreckung verlassen." Diese Argumente, so Pedatzur, ließen sich auch auf die aktuelle Lage in Nahost anwenden.

Vier Abwehrsysteme sollen Israel vor Angriffen aus der Region schützen, "Arrow" gegen ballistische Raketen ist bereits installiert. Tausende konventionelle Raketen seien es aus dem Iran, Syrien, dem Libanon und dem Gazastreifen, die Israels Städte erreichen könnten, sagte Uzi Rubin, Raketenabwehrspezialist und leidenschaftlicher Verteidiger eines solchen Abwehrsystems.

Eine nicht hermetisch funktionierende Abwehr sei besser als gar keine, argumentierte Rubin bei der von Standard-Redakteurin Gudrun Harrer moderierten Veranstaltung der Universität Innsbruck. Geradezu "hypnotisiert" sei man von der Nuklearfrage. "Aber es gibt eben auch andere Bedrohungen."

Pedatzur dagegen befürchtet, dass eine ballistische Raketenabwehr eine Rüstungsspirale auslösen könnte: Andere Staaten der Region würden in der Folge ihren Raketenbestand erhöhen, die Waffen weiterentwickeln - und könnten sich womöglich für einen präventiven Angriff entscheiden, um das System zu zerstören.

Start des Rüstungswettlaufs

Der iranisch-stämmige Politologe Anoushiravan Ehteshami von der Durham-Universität sieht bereits den Beginn eines Rüstungswettlaufs, bei dem auch Massenvernichtungswaffen eine Rolle spielen. Der Iran fühle sich umzingelt, diese Wahrnehmung grenze an Paranoia. Die Gefahr eines Regimewechsels sei mit dem Amtsantritt der neuen US-Regierung nicht gewichen. Das iranische Nuklearprogramm könne jedoch nicht von seinen Raketenprogrammen getrennt werden. "Das macht den Iran und seine Nachbarschaft unsicherer." (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2010)

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    Das Gleichgewicht des Schreckens, Robert McNamaras Logik aus den eisigsten Zeiten des Kalten Krieges

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