Lachen mit Petzner - Vielen Dank für die Klage!

18. Februar 2010, 20:00
166 Postings

Zur Rechtslogik eines "Lebensmenschen", der zur Romanfigur wurde und nun auf Entschädigung klagt

Der  Autor der inkriminierten Politsatire - "Weiße Nacht" - erklärt, wie sehr er das zu schätzen weiß.

Nirgends zählt ein Toter so viel wie in Österreich. Was das über die Mentalität aussagt, sei dahingestellt, Faktum ist: Die Verstorbenen werden in Österreich automatisch für heilig erklärt. So konnte sich Thomas Bernhard nicht mehr gegen die Umarmungen derer wehren, die zu Lebzeiten seinen Landesverweis verlangten. Die Kaiserin Sissi wurde zum eigenwilligen, aber charmanten Mäderl verfilmt - gespielt von Romy. Schneider, die Österreich zwar fluchtartig verlassen hatte, um ihre größten Erfolge in Frankreich zu feiern, aber der totalen Vereinnahmung dennoch nicht entkam. Nur Hitler wurde am Ende zum Deutschen getrimmt. Da verwundert es nicht weiter, dass in Österreich ein weltbekannter Rechtspopulist posthum zu einer Art Jesus-Christus-Figur verklärt wird.

Derjenige, der anlässlich des Todes des heiligen Jörg am lautesten geweint hat, ist Haiders Adjutant Petzner. Die bizarren Auftritte der Nebenwitwe sind inzwischen allseits bekannt. Für ein kleines Stück Öffentlichkeit lässt er sich nicht nur halb nackt (und mit tätowiertem Delfin) fotografieren, sondern wahrscheinlich auch völlig nackt an den Klagenfurter Lindwurm nageln. Jetzt, da ihm diese Droge fortschreitend entzogen wird, beginnt die Beschaffungskriminalität in Sachen Aufmerksamkeit. In Österreich funktioniert das bekanntlich am besten über Klagen. Leider betrifft sie in diesem Fall mich. Obwohl "leider" nicht stimmt: Erstens hat mich die Klagschrift, zu der ich noch komme, so lautstark zum Lachen gebracht, dass sich ein halber Flughafen umdrehte, zweitens entwickeln sich seitdem die Buchverkäufe prächtig. Also vielen Dank dafür, lieber Herr Petzner.

In meinem Roman "Weiße Nacht" geht es um eine homoerotische Beziehung zwischen einem politischen Führer und seinem nicht ganz hellen Ziehsohn. Laut Robert Menasse ist es die empathische Anschmiegung an einen Faschisten, der zu dumm ist, ein Faschist zu sein, aber genau deshalb einer ist. Der Rolling Stone schrieb: "Seit Peter Handke gab es keine so schutzlose Sehnsucht nach einem zärtlichen Blick auf die Welt." Beides trifft irgendwie die Atmosphäre des Buches. "Weiße Nacht" versucht ein Phänomen einzufangen.

Poetisch, weil analytisch bei irrationalen Vorgängen nicht funktioniert. Und es geht um die Poesie von bizarrem Körperkult, esoterischen Stehsätzen, abstrusen Weltverschwörungen, schwitzfreier Selbstdarstellung, plakativen Verhetzungen und androgyner Gehorsamkeit. Und natürlich um eine Gesellschaft, die dringend einen Ersatz für Religion, Kapitalismus und herkömmliche Familienkonzepte sucht. Es ist eine moderne Jesus-Geschichte. Und im Mittelpunkt steht so jemand wie Stefan Petzner. Und die Petzners gibt es überall - in den politischen Parteien, in der Wirtschaft und auch auf den Rückbänken großer Limousinen.

Am besten beschreibt sich der Charakter anhand der Klagschrift. Da heißt es zum Beispiel: Es ist allgemein bekannt, dass der Antragssteller solariumgebräunt ist, sein Lieblingswort Flocke und seine Lieblingsfarbe Türkis ist, dass er an keinen Unfalltod von Jörg Haider glaube und auf geheime Informationen zur Banken- und Finanzkrise verwies, die Haider kurz vor seinem Tod erhalten hatte, wie auf mächtige Kreise an der Ostküste. Und dass er im Zusammenhang mit der Beziehung zu Haider das Wort "Lebensmensch" kreiert hätte. Thomas Bernhard hätte geschossen, wenn er sein Wort "Lebensmensch" aus dem Mund von Herrn Petzner gehört hätte - gut, immerhin hat er eine Diplomarbeit über Udo Jürgens geschrieben, man soll seine intellektuellen Fähigkeiten hier auch nicht kleinreden.

Petzner beantragt, das gesamte Buch vorzulesen, denn immerhin werden darin Dinge behauptet wie: "Thomas, komm her. Bewege dich mit mir. Unsere Flügelschläge waren synchron." Petzner fühlt sich an solchen Stellen erkannt. Ist aber nicht einverstanden mit dem, was er sieht. Und klagt daher. Niemand hat vor, ihm zu widersprechen. Ja, es ist ein fiktionalisierter Petzner. Aber Petzner ist eine öffentliche Person und versucht mit aller Gewalt, auch eine solche zu bleiben.

Offensichtlich hat ihm keiner gesagt, dass man als Politiker auch manchmal das Opfer von Satire und Karikatur ist, besonders dann, wenn man die Haiders der Welt zu Heiligen erklären will, und dass da jetzt auch kein Heulen und Klagen hilft. Das ist nämlich der wesentliche Unterschied zu den Buchverboten von Thomas Bernhards "Holzfällen" oder Maxim Billers "Esra". In beiden Fällen haben sich Menschen wiedererkannt, die nicht Personen des öffentlichen Lebens sind. Mit privaten und natürlich peinlichen Details. Peinlich sollte "Weiße Nacht" Petzner eigentlich auch sein. Und die Klage sowieso. Denn die Handlung ist derart überhöht, ja wahnwitzig und hoffentlich auch komisch, dass wahrscheinlich jedem, außer einem echten Eierschädel, klar ist, dass es sich hierbei um Satire handelt. Um politische Satire wohlgemerkt.

Bizarrerweise will aber nicht mal Petzner das Buch aus dem Handel ziehen. Er klagt auf Zahlung - ergo Tantiemen. Wäre ja auch blöd. So schnell wird sicher kein Roman mehr über ihn geschrieben. Was nicht ganz unstolz auf seinem Wikipedia-Eintrag vermerkt ist. Ob von ihm selbst oder von jemandem aus der Öffentlichkeit, nach der er sich so sehnt, das weiß ich nicht. Aufmerksamkeit hat er durch diese Klage jedenfalls. Das Buch auch. Der Autor dankt. (David Schalko / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.2.2010)

 

Prozessbeginn: 19.2., 9.00, Landesgericht Wien

  • David Schalko, Jg. 1973, Autor, Film- und TV-Regisseur ("Willkommen Österreich, "Die 4 da" ...), lebt in Wien; sein Roman "Weiße Nacht" erschien im Herbst 2009 im Czernin-Verlag.
    foto: standard / corn

    David Schalko, Jg. 1973, Autor, Film- und TV-Regisseur ("Willkommen Österreich, "Die 4 da" ...), lebt in Wien; sein Roman "Weiße Nacht" erschien im Herbst 2009 im Czernin-Verlag.

Share if you care.