Mafia-Pate: Selbstmordversuch mit Putzmittel

9. April 2003, 14:50
posten

Jeremiasz B. mittlerweile außer Lebensgefahr - wurde bewusstlos in der Zelle gefunden - Prozess hätte heute zu Ende gehen sollen

Wien - Wenige Stunden, bevor im Wiener Straflandesgericht sein Prozess wegen Anstiftung zur Ermordung des früheren polnischen Sportministers Jacek Debski zu Ende gehen hätte sollen, wollte sich der mutmaßliche Mafia-Pate Jeremiasz B. in seiner Zelle im Landesgerichtlichen Gefangenenhaus das Leben nehmen. Der 57-Jährige griff Mittwoch früh zu einem Kalk lösenden Mittel, dessen Verwendung ihm und seinem Zellengenossen zum Reinigen der Toilette und des Geschirrs genehmigt worden war.

Bewusstlos in der Zelle gefunden

Die Justizwache wurde im Rahmen eines routinemäßigen Kontrollganges gegen 4.40 Uhr auf den bewusstlos in seiner Zelle liegenden Mann aufmerksam. Ein Notarzt und eine Krankenschwester waren rasch zur Stelle, B. wurde mit Vergiftungserscheinungen in ein Wiener Spital eingeliefert. Lebensgefahr soll zu keinem Zeitpunkt bestanden haben.

Streng bewacht im Krankenhaus

Der mutmaßliche Mafioso wird - von der Wega streng bewacht - die nächsten 24 Stunden zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Danach soll er wieder ins Gefangenenhaus überstellt werden, das über eine eigene Krankenstation verfügt und damit eine allenfalls nötige Nachbehandlung übernehmen könnte.

Prozess wird verschoben

Der Prozess gegen Jeremiasz B. wird erst am 19. Mai fortgesetzt. Verteidiger Karl Bernhauser stellte nämlich einen Antrag auf Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens, da er inzwischen an der Zurechnungsfähigkeit seines Mandanten zweifelt. Die vorsitzende Richterin hat zumindest vier weitere Verhandlungstage vorgesehen.

ZUsammenhang mit dramatischen Ereignissen in Warschau

Dass sich Jeremiasz B. vergiften wollte, dürfte in ursächlichem Zusammenhang mit Ereignissen stehen, die sich am Dienstag, in seiner Zelle sowie beim Prozess gegen Halina G. in Warschau abgespielt haben. Die 28-Jährige muss sich dort seit einigen Wochen wegen Beteiligung am Debski-Mord verantworten, den Jeremiasz B. laut Anklage befohlen hat.

"Soldatin" des mutmaßlichen Mafia-Paten

Sie soll eine "Soldatin" des mutmaßlichen Mafia-Paten gewesen sein und auf dessen Geheiß hin Debski in der Nacht auf den 12. April 2001 begleitet zum gedungenen Killer gelotst haben, der den Mann vor dem etwas außerhalb von Warschau gelegenen Lokal "Casa Nostra" niederschoss. Halina G. alias "Inka" hat das auch mehrfach zugegeben und zuletzt Jeremiasz B. im Wiener Landesgericht als Zeugin dahin gehend belastet.

Mutmaßlichen Attentäter mysteriös in der Zelle gestorben

In ihrer eigenen Verhandlung sagte gestern die Freundin des mutmaßlichen Attentäters Tadeusz M. aus, der im Juli 2002 in seiner Zelle in Warschau unter mysteriösen Umständen zu Tode kam. Polnische Medien hegen an der Version, er hätte sich erhängt, starke Zweifel. Seine Freundin erzählte nun einem Bericht der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" zufolge dem Warschauer Gericht, Tadeusz M. habe die fragliche Zeit zur Gänze mit ihr verbracht. Er könne daher nicht der Mörder sein.

Abgehörte Telefonate aus der Zelle

Darauf wurde sie wegen falscher Zeugenaussage noch im Gerichtsgebäude festgenommen. Denn der Staatsanwalt konnte beweisen, dass Jeremiasz B. am 24. März 2003 mit dieser Frau aus seiner Wiener Zelle telefoniert und ihre unrichtigen Angaben "bestellt" hat. Dieses Gespräch wurde abgehört. Die österreichischen Behörden konnten den polnischen Kollegen sogar eine Kassette übermitteln, auf der sich Jeremiasz B. mit Sätzen wie "Du bist für mich wie meine Tochter!" und "Hör zu, Du bist die einzige Person, die mich retten kann!" Hilfe erbittet. Dieses Band wurde auch in der Warschauer Verhandlung abgespielt.

Ein Handy in der Zelle

Wie Friedrich Matousek, der Leiter der Staatsanwaltschaft Wien, dazu am Mittwoch erklärte, sind zuletzt "sehr häufig" Telefonate abgehört worden, die Jeremiasz B. verbotenerweise aus seiner Zelle führte. Wie mehrfach berichtet, dürfte dieser zumindest seit Dezember 2002 über ein Handy verfügt haben, mit dem er auf jeden Fall auch die Mutter des ermordeten Ex-Ministers sowie einen früheren Leibwächter angerufen hat.

Rufdaten-Rückerfassung

Die Anklagebehörde reagierte darauf mit einer Rufdaten-Rückerfassung und klinkte sich schließlich in die Gespräche des mutmaßlichen Paten ein. Was dieser nicht geahnt haben dürfte.

Gestern, Dienstag, wurde dann um 15.00 Uhr eingehend seine Zelle durchsucht, nachdem man ausreichend Beweismaterial zusammen getragen hatte. Dabei wurde das Handy gefunden.

Besuch der Ehefrau

Jeremiasz B. dürfte gestern auch noch von der Festnahme der Freundin des angeblichen Killers erfahren haben: Am Nachmittag erhielt er dem Vernehmen nach Besuch von seiner Ehefrau, die ihm vermutlich die jüngsten Entwicklungen mitgeteilt hat. Sie kontaktierte jedenfalls nach ihrem Besuch den Verteidiger ihres Mannes und ließ diesen wissen, sie mache sich jetzt "große Sorgen" um ihren Mann.

Für den Behördenleiter der Staatsanwaltschaft Wien "bietet sich irgendwie der Schluss an, dass diese Vorgänge mit dem Ereignis von heute Früh in Zusammenhang stehen", so Matousek. Verteidiger Karl Bernhauser zeigte sich demgegenüber vom Selbstmord-Versuch überrascht: "Bei meinem Mandanten kommt immer alles aus heiterem Himmel." (APA)

Share if you care.