Türkischer Jodler in der Jägerstraße

15. Februar 2010, 17:36
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Die dritte Folge der gesellschaftskritischen "Grätzelsoap"

Wien - Johannes Glück, der Autor und Regisseur der höchst unterhaltsamen Grätzelsoap Jägerstraße, versteht es, Gegensätze aufeinanderprallen zu lassen: Identifikationsobjekt Aline, die Tochter aus gutem Haus (Marie-Luise Haugk), hat in Brigittenau eine Wohnung gemietet - und taucht in eine ihr fremde, mitunter bizarre Welt ein.

Die serbischen und türkischen Nachbarn sind längst ihre Freunde geworden: In Taubenblut - die dritte Folge hatte am Sonntag im frisch renovierten Vindobona Premiere - sucht ein muslimisches Kind bei ihr Unterschlupf, weil es nicht in die strenge Koranschule will. Alines Eltern aber, Villenbesitzer in Döbling, rümpfen nur die Nase. Weil ihre Tochter am Hannovermarkt einkauft. Und weil sie sich in den türkisch jodelnden Musiker Emre verliebt hat. Einer der vielen Höhepunkte ist das Vorstellungsgespräch bei Kaffee und Kuchen: Der fröhliche Emre (Otto Jaus) trifft auf einen Bildungsbürgerdespoten, der sich in rassistischen Äußerungen ergeht.

En passant übt Johannes Glück gezielte Gesellschaftskritik: Seine Soap ist politisches und mitunter auch moralisierendes Volkstheater. Das Leben im Grätzel wird zwar ein wenig idealisiert, die Wirklichkeit aber nicht geleugnet. Da gibt es etwa Henry (David Wurawa), den Dealer, der es nicht erwarten kann, mit einer Österreicherin verheiratet zu sein: In der Not zwingt er einen Fixer auf Turkey, Trauzeuge zu sein.

Doch nicht jeder Schwarze, so Glücks eingängige Botschaft, ist ein Verbrecher: John verdient sein Geld als Taxifahrer und leitet den Kirchenchor. Just er, der Sympathieträger, soll abgeschoben werden, was die Sängerschar, die eifrig auf die Innenministerin schimpft, hoffentlich verhindern wird (in Folge 4 ab 29. März). Zunächst aber darf man einer turbulenten Hochzeit beiwohnen. Und dem neunköpfigen Ensemble applaudieren, das 41 Figuren verkörpert. Adem Karaduman etwa begeistert als Automechaniker, Scientology-Mitglied, Ersatz-Elvis und geifernde Türkin. Respekt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 16.02.2010)

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