Geschichten sind Dummies

12. Februar 2010, 17:45
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Puppen und Performer: Uraufführung von Ivana Müllers "Working Titles" im Koproduktionshaus

Wien - Ivana Müller hat eine besonders schmerzhafte Anwendung der Vivisektion für sich entdeckt: das Sezieren der "Story", der Geschichte am lebendigen Leib. Peinvoll ist das sowohl für jene Modernisten, die noch an die Kraft der großen Erzählungen glauben, als auch für Anwender der angejahrten postmodernen Dekonstruktion.

Die aus Kroatien stammende Performancekünstlerin mit Tanzhintergrund, deren jüngstes Stück Working Titles gerade im Brut im Künstlerhaus uraufgeführt wurde, repräsentiert eine neue Generation von Kritikern der Kommunikationskultur in Kunst und Medien. Eine Generation also, die es extrem schwer hat, sich in dem Dschungel aus Faction, Hypes und Herrschaftsstrukturen in Unterhaltung, Kultur und Politik zurechtzufinden. Persiflieren bewirkt gar nichts mehr; und moralisieren ist nur noch ein Schuss in den Ofen. Was also tun?

Müller setzt bei einem Produkt an, das Kulturgänger wie Unterhaltungskonsumenten gleichermaßen gern anhecheln: bei der Erzählung. Zu diesem Zweck zitiert sie neben Performern auch Puppen auf die Bühne. Die lebenden Darsteller animieren die toten, das ist bekannt. Müllers animierte Puppen allerdings, sie heißen Adam, Eva, Tina, Tom und sonstwie, sind sämtlich kopflos. Also eigentlich doppelt tot. Und sie sind nicht einfach Puppen, sondern verkörperte Geschichten, Dummies für das Drauflos-Erzählen, beliebig austausch- und veränderbar.

Die acht Szenen von Working Titles tragen alle vermeintlich vielsagende Titel, die die Fantasien der Zuschauer aktivieren. In den Szenen selbst werden Stereotypen der Narration gnadenlos vorgeführt. Wird der Anspruch, den jede erzählte Geschichte stellt, nämlich interessant zu sein, mit ironischem Gestus ausgehöhlt und säuberlich zerspielt.

Die Performer bleiben dabei so stumm wie ihre Dummies. Das gesamte Erzählmaterial wird in kurzen Sätzen an die Bühnenrückwand gebeamt, dazu kommen Geräusche wie von Gongs oder Tischtennisbällen und ein bisschen Musik. Die kopflosen Puppen werden immer wieder neu arrangiert, Sensationen - Terroranschlag, Unfall, Bollywood, Ruhm, Flirts, einsames Sterben - vorgegaukelt. Das Magische an den angerissenen Geschichten wird halb aus dem Hut gezaubert und dann in maliziöser Wendung wieder in denselben zurückgestopft.

Am Ende ist das, was der Kultur- und Kommunikationsbetrieb seinen Klienten als "Geschichten" einredet, unter Müllers künstlerischem Messer zwar verendet, aber das Einreden selbst steht noch da, paradox wie ein sprichwörtlicher Schwanz, der mit dem Hund wedelt. Optimistischer kann Fundamentalkritik an Culturetainment gar nicht formuliert werden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.02.2010)

  • "Working Titles".
    foto: b. palffy

    "Working Titles".

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