Die Zukunft der Vergangenheit

12. Februar 2010, 16:25
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Post-Oil Cities: Visionen für eine nachfossile Stadtplanung fußen auf utopischen Entwürfen früherer Jahrzehnte

Am Erdöl hängt alles, zum Erdöl drängt alles. Öl beeinflusst Benzinpreise und Lebenshaltungskosten. Und Weichbild, Aussehen und Gestaltung von Städten. Aus Öl sind unendlich viele Dinge, die das moderne Leben erst lebenswert machen. Öl ist aber auch Schmiermittel für Kriege, Terrorismus und Diktaturen, für Korruption, Geldwäsche, Demokratiedefizit und Umweltzerstörung, für die Vernichtung der Lebensgrundlagen der Menschheit und vor allem für monomanisches Profitstreben. Auf allen Kontinenten. Ganze Industrien hängen am Öl-Tropf. Doch die Ölvorräte sind endlich. Was allgemein bekannt ist. Was tun, wenn die Ölfelder der Erde ausgepumpt sind? "Wir müssen uns darauf vorbereiten, unsere gegenwärtige Lebensweise zu ändern" , so im Jahr 1976 der US-Präsident Jimmy Carter.

Nachdem seit 2008 mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, werden die Folgen im 21. Jahrhundert, dem Post-Peak-Oil-Zeitalter, wenn Erdöl immer weniger und teurer wird, in den Städten zu spüren sein. Und Folgen haben. Auch, weil bis 2030 ein Anstieg der städtischen Bevölkerung auf 60 Prozent prognostiziert wird. Folgen nicht nur im Westen - vor allem in den Ländern am Persischen Golf, die innerhalb der nächsten zwei, höchstens drei Generationen ihre Ölressourcen restlos ausgebeutet haben werden. Ein nachfossiler Lebensstil bedarf nachfossiler Städte.

Aus dem Prozess der Oil-Urbanisation, so die drei Jahre lang am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften lehrende Geografin Nadine Scharfenort, geht am Ende die "Post-Oil City" hervor, deren Strukturen und Stadtlandschaft einem Transformationsprozess unterworfen sind. Schon deshalb, weil der arabische Petro-Urbanismus so eklektisch wie überzogen sprunghaft ist.

Das lässt sich am angepriesenen Projekt Masdar City in Abu Dhabi ersehen. 22 Milliarden US-Dollar werden seit 2008 in dieses ideale Ökoprojekt investiert, um mitten in der Wüste eine zu 100 Prozent kohlendioxidneutrale Wissensstadt zu errichten. In diese von Foster+Partners geplante ummauerte Universitätsmetropole, zum Forschungszentrum für erneuerbare Energien bestimmt, deren Bevölkerungszahl maximal 100.000 Menschen betragen wird, sollen täglich rund 50.000 Beschäftigte pendeln. Bis zur Stadtgrenze mit Autos, ab dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Energiebedarf soll innerhalb der Stadtfläche komplett durch Sonnenenergie abgedeckt werden. Vor kurzem hat die Internationale Agentur für regenerative Energien entschieden, 2011 ihr Generalsekretariat dorthin zu verlegen. Der Wasserverbrauch des im Bau befindlichen Hauptquartiers soll verglichen mit einem identischen Gebäude mit identischer Mischnutzung um 70 Prozent reduziert sein, das Gebäude soll mehr Energie erzeugen denn verbrauchen.

Erstaunlich ist aber, dass solche aktuellen Effizienzmaximierungen, deren Nachhaltigkeit sich relativiert, berechnet man kritisch den CO2-Verbrauch für die Herstellung der verbauten Materialien wie Stahl oder Glas, tief im grenzenlosen und barrierefrei naiven Optimismus der 1960er-Jahre verankert sind. Die Utopien dieser Dekade sind bis heute wirkmächtig. Und üben wie Constants "New Babylon" eine starke Faszination aus. Hat doch der holländische Maler fast 20 Jahre lang am Entwurf einer vernetzten Infrastruktur gewoben, durch deren komplexes Geflecht von Passagen, Ebenen und Streben die Stadtbewohner als Gegenwartsnomaden streifen und ihre kreativen Potenziale ausleben können. Bis der spielerische Umgang im Urbanen und mit Urbanität dann den Globus umspannt und die Menschen miteinander verbindet. Andere Nachhaltigkeitsprojekte fanden dafür kein Echo. Nicht einmal das praktische Selbsthilfe-Experiment des 1936 in Wien geborenen Berkeley-Professors Christopher Alexander für eine schematisierte lokale Baukultur in Mexicali.

Noch erstaunlicher ist allerdings, dass bei visionären Verkehrs- und Transportsystemen das Verfallsdatum noch schneller eintrat als bei immobiler Architektur. Elektromobilität ist als Sujet rasch an sehr profane Realisierungsgrenzen gestoßen. Automatisierten Verkehrssystemen eignet noch immer etwas zugleich Futuristisches und Anachronistisches an. Anachronistisch, weil sie, chronisch unterfinanziert, die rapide Individualisierung und Flexibilisierung von Person, Ort und Arbeit nicht widerzuspiegeln vermögen und man noch immer Minibusse oder -züge auf Schienen setzt. Futuristisch, weil, wie in Animationen des Personal-Rapid-Transit-Systems für Masdar City zu sehen, mittels eines Magnetspurnetzes von Lithium-Phosphorbatterien getriebene führerlose luxuriöse Viererkabinen jedes beliebige Ziel anfahren.

Der Frankfurter Architekt Albert Speer zieht ein scharfes Fazit der letzten Jahren: "Die Finanzkrise des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts kann dazu dienen, dem Rest der Welt zu zeigen, was überflüssig geworden ist. Das Zweit- oder Drittauto der Familien ist dazu verdammt, entweder in der Garage oder im Stau zu stehen. Und eine weitere Lehre ist, nach innen und oben zu expandieren - und nicht nach außen."

Dass die neuen urbanen Pfeile tatsächlich nach innen zeigen - und retour in die Vergangenheit -, das demonstrierten 2006 die im Wettbewerb "Urban Voids" siegreichen Beiträge für Philadelphia. Die Hauptstadt des US-Bundesstaates Pennsylvania, seit ihrer Gründung 1682 einem lockeren Planungsraster verpflichtet, verlor in den letzten 60 Jahren 25 Prozent ihrer Einwohnerschaft ans Umland. Heute arbeitet noch jeder dritte Einwohner in der Stadt. Deren urbane Textur ist geprägt durch viele Brachflächen. Für die das Büro Front Studio Naheliegendes vorschlug - landwirtschaftliche Nutzung. Das ist nicht abwegig oder rückständig. Es wird in anderen nordamerikanischen Großstädten bereits praktiziert. Sogar in New York, dem Inbegriff eines "human hive" (Marilyn Hamilton), eines Stadtmolochs. An Hudson und East River zählt man heutzutage schon mehr als 700 Community Gardens mit einer Gesamtgröße von 809.300 Quadratmetern. Front Studio lieferte mit ihrem Vorschlag für eine Renaturierung auch einen griffigen neuen Namen mit: "Farmadelphia" . Was den Ideen des Stadtgründers William Penn nicht zuwiderlief. Im Gegenteil. Jeder Block soll eine Nutzungseinheit bilden; Blocks mit einem Leerstand von 60 Prozent und mehr würden zu Anbauflächen. Die von den Anwohnern gemeinschaftlich beackert werden sollen. Eine Selbstversorgung in der Stadt - in Zeiten immer häufigerer Finanzkrisen, ökonomischer und sozialer Disbalance und ideell wie personell ausgelaugter staatlicher Verwaltungen nicht die schlechteste Idee. Vor allem, weil architektonische Steroid-Planungen à la Dubais Burj Khalifa buchstäblich auf Sand gebaut sind. Und Zukunft heute schon Geschichte ist. (Alexander Kluy, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.02.2010)

"Post-Oil City - Die Stadt nach dem Öl. Die Geschichte der Zukunft der Stadt" . Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen, Stuttgart. - Bis 20. März.

  • Xeritown: Bei diesem Stadt-erweiterungsprojekt für Dubai orientieren
sich die Berliner Architekten SMAQ visuell an der arabischen
Architekturform. Die Schattenspender sollen ein angenehmes Binnenklima
schaffen.
    foto: smaq

    Xeritown: Bei diesem Stadt-erweiterungsprojekt für Dubai orientieren sich die Berliner Architekten SMAQ visuell an der arabischen Architekturform. Die Schattenspender sollen ein angenehmes Binnenklima schaffen.

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