Europareife in Sparvariante

7. April 2003, 17:25
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Die geplanten Kürzungen beim Lateinunterricht zeigen, dass der Regierung Sparen wichtiger ist als Qualität - ein Kommentar der anderen von Regina Loidolt

Immer wieder hat man von Bundesministerin Gehrer gehört, wie enorm wichtig es heutzutage sei, Schüler und Schülerinnen zur Europareife zu führen. Hat jetzt der Sparstift diesen Anspruch deutlich sinken lassen? Siehe zum Beispiel die Kürzungen im Fach Latein.

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Selbstverständlich ist körperliche Fitness, also "Mens sana in corpore sano", wie wir schon seit der Antike wissen, wichtig, um auch das geistige Training möglich zu machen, und ich würde Sport niemals gegen Sprachen ausspielen wollen, wie andere das tun.

Aber die Tatsache, dass im Fach Latein, das einen vertieften Zugang zu Europa und seinen Wurzeln schafft, mehr Stunden als in allen anderen Fächern gestrichen werden sollen, stimmt in höchstem Maße nachdenklich. Gerade dieses Fach bietet Einsicht in Europas Kultur sowie Zugang zu allen europäischen Sprachen, aber auch eine Schulung im verstehenden Lesen von Texten und Erkennen ihrer Hintergründe, das gerade an alten Texten emotionsfrei eingeübt werden kann.

Vielleicht genügt in Hinkunft in den Augen unserer Politiker jedoch ein unkritischer Bürger, der Europa über das Fernsehen ins Haus geliefert bekommt, aber weder über profunde Einsichten in Zusammenhänge noch über sprachliche Möglichkeiten einen persönlichen Zugang zu Europa mit seiner Tradition, seiner Geschichte und seinen Menschen finden kann.

Als Lehrerin für Französisch und Latein möchte ich daran erinnern, dass die zweite lebende Fremdsprache Französich oder Italienisch oder Spanisch in der Kürzung der Stunden an Latein gekoppelt ist, was medial verschwiegen wird. Das bedeutet, dass wir uns in einer Zeit, in der die Bedeutung der Fremdsprachenkenntnisse steigt, von der Chance, eine andere Sprache neben Englisch zu beherrschen, aufgrund von Sparmaßnahmen verabschieden.

Denn wer könnte leugnen, dass es gerade beim Erlernen einer neuen Sprache auf intensive Übung ankommt und daher im Anfangsunterricht - also in der 3. bzw. 5. Klasse (wie ja auch in Englisch in der ersten Klasse) - mindestens vier Wochenstunden nötig sind, wenn man Fortschritte in der aktiven Beherrschung dieser Sprache erreichen will?

Es bleibt für mich daher völlig unverständlich, wie man in Sprachen, die von Schüler/innen, Eltern, Wirtschaft und Politik als heute so bedeutsam angesehen werden, den Sparstift ansetzen und sich mit einer "Schmalspur-Europareife" zufrieden geben kann.

Daher fordere ich die zuständigen Behörden auf, die Aussage von Descartes, "Cogito, ergo sum" ("Ich denke, also bin ich"), als Aufforderung zu verstehen, die geplanten Maßnahmen nochmals zu überdenken. "Réfléchissons!" - Überlegen wir doch einmal! (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2003)

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Regina Loidoltist Lehrerin für Latein und Französisch am Lise-Meitner-Realgymnasium auf der Schottenbastei und Arbeitgemeinschafts- leiterin für Klasssische Philologie in Wien
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