150 Millionen Frauen weltweit genital verstümmelt

5. Februar 2010, 18:38
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FGM, die weibliche Genitalverstümmelung, ist vor allem in den dörflichen Regionen vieler afrikanischer Staaten immer noch eine grausame Normalität - trotz der Ächtung durch Imame und PolitikerInnen

Addis Abeba - Täglich werden weltweit 8000 Mädchen genital verstümmelt. Alle elf Sekunden eins. Das ist die schlechte Nachricht zum Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung, der am 6. Februar, weltweit begangen wird. Menschenrechtsorganisationen und die UNO schätzen, dass weltweit 150 Millionen Opfer der Genitalverstümmelung ("Female Genital Mutilation", FGM) leben. Vor allem in West- und Nordostafrika ist die Beschneidung von jungen Mädchen noch immer weit verbreitet. Sie kommt aber auch in manchen asiatischen Ländern sowie unter EinwandererInnen in Nordamerika und Europa vor.

Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation umfasst FGM alle Praktiken, die die "partielle oder totale Entfernung der äußerlichen weiblichen Genitalien oder andere Verletzungen der Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen" beinhalten.

Tod und Krankheiten

Da der Eingriff meist in wenig entwickelten Regionen, von medizinisch nicht ausgebildeten Personen und unter hygienisch katastrophalen Umständen vorgenommen wird, sterben viele Opfer während oder unmittelbar nach dem grausamen Eingriff - sei es am Schock, an Blutvergiftung oder Infektionen. Auch medizinische Langzeitfolgen treten häufig auf. Unter anderem kommt es bei den betroffenen Frauen häufig zu sexuellen Funktionsstörungen, höherer Komplikationsrate bei Geburten, erhöhter Säuglingssterblichkeit, zu Infektionen im Genitalbereich und der Harnwege sowie chronischen Schädigungen der Nieren - ganz zu schweigen von den schweren, lebenslangen psychischen Traumata.

Einer der Hauptgründe für die Verstümmelung ist der Aberglaube, dass nicht beschnittene Frauen "unsauber und schmutzig" seien. Freilich entspricht die in Europa weit verbreitet Meinung, dass FGM ausschließlich unter MuslimInnen verbreitet ist, nicht der Wahrheit: Auch bei Christen und Juden sind Fälle dokumentiert.

Moscheen, Imamen und Dorfchefs kommt im Kampf gegen die grausame Praktik aber eine zentrale Rolle zu. Seit der Mitte der 90er-Jahre ist FGM zwar in 14 afrikanischen Staaten verboten, doch 2006 wurde erstmals bei einer Konferenz islamischer Gelehrter in Kairo die weibliche Genitalbeschneidung geächtet. Seither verbreitet sich die Botschaft langsam auch in ländliche Regionen.

"Ich habe in der Moschee gehört, dass diese Tradition für Muslime eine schwere Sünde ist. Niemand wird mich zwingen, eine Sünde zu begehen", erklärt etwa Mariam aus dem Bezirk Barachele in der äthiopischen Danakilwüste. Davor glaubte die Frau, das Richtige zu tun - und arbeitete als Beschneiderin. Gemeinsam mit früheren "Berufskolleginnen" versucht sie nun, Mütter, die ihre Töchter beschneiden lassen möchten, aufzuklären. Mit Erfolg: In Mariams Region haben mehr als hundert Mütter von Mädchen öffentlich geschworen: "Nicht mit meiner Tochter." (APA, red, DER STANDARD/Printausgabe 6.2./7.2.2010)

 

  • Kampagnen gegen die Genitalverstümmelung (hier ein Sujet aus dem Jahr
2006) gibt es immer wieder - der Schlüssel zum Erfolg liegt aber in der
Aufklärung der Menschen in betroffenen Regionen.
    foto: salvenmoser/jiszda

    Kampagnen gegen die Genitalverstümmelung (hier ein Sujet aus dem Jahr 2006) gibt es immer wieder - der Schlüssel zum Erfolg liegt aber in der Aufklärung der Menschen in betroffenen Regionen.

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