Ja, reden kann er

2. Februar 2010, 19:12
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Die Rhetorik Barack Obamas ist das aktuelle Forschungsthema des Innsbrucker Linguisten Manfred Kienpointner

Die erste State-of-the-Union-Rede des US-Präsidenten war für den STANDARD Anlass, ihn um eine Analyse zu bitten.

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Als Barack Obama am 27. Jänner das Podium betrat, um seine erste State-of-the-Union-Rede als Präsident der Vereinigten Staaten zu halten, wusste er, wie viel von seiner Überzeugungskraft abhängen würde. Seine Präsidentschaft, die mit dem klingenden Versprechen "Yes, we can!" begonnen hatte, hat bisher ihre hochgesteckten Ziele nicht erreicht. Gesundheitsreform, Guantánamo, Klimaschutz, Arbeitslosigkeit: No, we can't.

Trotzdem stand ein selbstbewusster Präsident vor dem Kongress: Obama ist sich seiner rhetorischen Begabung bewusst. Dies war der Moment, nicht nur um die eigene Präsidentschaft zu kämpfen, sondern auch seinen Gegnern die Initiative zu entreißen. Schon im Wahlkampf waren seine Reden ausschlaggebend gewesen, seine mutige und ausführliche Stellungnahme "A More Perfect Union" zum Verhältnis von Schwarzen und Weißen in den Vereinigten Staaten überzeugte viele potenzielle Wähler.

Obamas Rede an die Nation war eine Gratwanderung: von den Republikanern systematisch blockiert, war er in den Ruf geraten, ein bloßer Schönredner zu sein, auf dessen große Worte keine Taten folgen. Trotzdem war sein Auftritt, der zeitweise sehr entspannt und informell wirkte, mit allen rhetorischen Wassern gewaschen. "Obama beherrscht das klassische Repertoire", bemerkt Manfred Kienpointner, Professor für Sprachwissenschaft an der Uni Innsbruck, der sich aktuell mit der Rhetorik des US-Präsidenten beschäftigt. "Er ist ein klassischer Redner in der Tradition von John F. Kennedy und Martin Luther King und kann mit ihnen in einem Atemzug genannt werden."
Bemühen um Konsens

Kienpointner weist darauf hin, dass der pragmatischen Politik Obamas immer eine, wenn auch bislang augenscheinlich fruchtlose Bemühung um überparteilichen Konsens beigestellt ist. "Er ist bereit, seine eigenen Fehler und die Fehler der USA zuzugeben, wie zum Beispiel in der Rede, die er vor Studenten in Kairo gehalten hat. Er geht über Parteiinteressen hinaus und versucht die Opposition für seine Ideen zu gewinnen, und er setzt immer auf die Hoffnung", führt der Sprachwissenschafter aus. "Was seine Reden immer kennzeichnet, ist sein Bemühen, alle miteinzubeziehen, zum Beispiel wenn er immer wieder sagt, es gebe nicht ein schwarzes und ein weißes, ein republikanisches und ein demokratisches, ein schwules und ein heterosexuelles Amerika, sondern nur die Vereinigten Staaten von Amerika."

Deutlich ist auch, wie bewusst sich Obama der Tradition ist, in der er steht und die von den großen Rhetoren des antiken Griechenland bis zu den afroamerikanischen Predigern in den evangelischen Kirchen reicht. Von ihnen hat er den ernsthaften Habitus und die eindringlichen Wiederholungen, die seine Rede kennzeichnen. Wo der Reverend Martin Luther King feierlich "I have a dream" intonierte, verwendet er wiederkehrende Elemente wie "Yes, we can" oder "Lasst uns die Generation sein, die ...".

Das Geschichtsbewusstsein von Obama und seinem Redenschreiber, dem neunundzwanzigjährigen Jon Favreau, der mit dem Präsidenten eng zusammenarbeitet, zeigt sich immer wieder in Anspielungen und Zitaten, die von einem Großteil seines Publikums wohl nicht wahrgenommen werden. Wenn er sich etwa als ein von starken Überzeugungen getragener "Rechtsanwalt aus Springfield" beschreibt, ist es gut zu wissen, dass auch Abraham Lincoln seine Karriere als Rechtsanwalt in Springfield begann.

Auch die State-of-the-Union- Rede steckt voller rhetorischer Echos, von der Bibel bis zu den Songtexten einer Popgruppe aus Australien. Schon der Anfang seiner Rede bedient sich der berühmten ersten Worte aus dem großen Monolog Marcus Antonius' aus Shakespeares Julius Cäsar. Wenig später spricht Obama davon, dass der Tag des Gerichts angebrochen sei, eine Anspielung auf den Propheten Jesaja. Mit dem Satz "Wir stehen an einer Kreuzung der Geschichte, die Augen aller Völker aller Nationen wieder auf uns gerichtet" zitiert er Kennedy.

Aber auch weniger klassische Quellen sind in seiner Rede zu finden. Das Versprechen des Präsidenten, dass Hoffnung sich an unwahrscheinlichen Orten finden lässt, paraphrasiert Gildor Inglorion, eine Figur aus Tolkiens Herr der Ringe. Seine Formulierung, dass die Familien der Kampftruppen im Irak und in Afghanistan die "stille Bürde ihrer Abwesenheit" tragen, kommt aus einem Song der australischen Gruppe The Guild League und zeigt wohl auch, welche Musik der Präsident oder sein Redenschreiber gerne hört.

Ironische Seitenhiebe

Obama ist nicht nur ein klassischer Redner, seine Rhetorik ist eine effektive Verbindung von traditionellem Pathos und urbaner Coolness. "Ein Merkmal, das für ihn sehr typisch ist, ist seine Ironie", bemerkt Kienpointner. "Schon in seinem programmatischen Buch The Audacity of Hope schrieb er, dass zumindest außerhalb des Weißen Hauses niemand mehr am Klimawandel zweifelt."

Das erste Jahr seiner Amtszeit hat Obama gelehrt, dass rhetorisches Geschick von seinen Gegnern auch als manipulative Phrasendrescherei ausgelegt werden kann. Vielleicht auch deswegen hielt sich der Präsident bei seiner Rede an die Nation auffallend zurück. Den emphatischen Aufrufen am Anfang der Rede folgte eine lange, scheinbar informelle Phase, in der Obama politische Ziele absteckte, die eigene Partei aufforderte, mehr Rückgrat zu zeigen, und die Gegner ermahnte, dass bloße Opposition um der Opposition willen opportunistisch sei. Mit fast beschwörenden Tönen suchte er sein Publikum zu überzeugen, wenn auch diese Eindringlichkeit wohl eher für die Fernsehkameras gedacht war.

Erst zum Ende der Rede schwang er sich wieder rhetorisch in die Höhe, um mit der Ankündigung zu schließen, dass er trotz aller Schwierigkeiten niemals aufgeben werde: "Wir haben ein schwieriges Jahr hinter uns. Wir sind durch ein schweres Jahrzehnt gekommen. Aber ein neues Jahr ist da. Ein neues Jahrzehnt dehnt sich vor uns aus. Wir geben nicht auf. Ich gebe nicht auf. Lasst uns die Gelegenheit ergreifen - um neu anzufangen, um den Traum weiterzutragen, um unsere Union wieder zu stärken."

Das war klassischer Obama, befindet auch Manfred Kienpointner. "Insgesamt bin ich sehr beeindruckt von ihm", sagt er, fügte dann aber an, "die Kluft zwischen Rhetorik und Realität droht sich gegen ihn zu wenden, aber selbst wenn er völlig scheitern sollte, habe ich vor ihm großen Respekt. Er hat es gewagt, sich dem Scheitern auszusetzen. Damit und mit seiner hervorragenden Fähigkeit als Redner reiht er sich unter die Großen der amerikanischen Geschichte ein." (Philipp Blom/DER STANDARD, Printausgabe, 03.02.2010)

 


Zur Person
Philipp Blom, in Deutschland geborener Historiker und Publizist, lebt zurzeit in Wien und hat davor viele Jahre in Frankreich und Großbritannien verbracht; zuletzt erschien von ihm bei Hanser "Der taumelnde Kontinent".

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    Viele rhetorische Kniffe Obamas kommen bei den US-Bürgern an. Einen Großteil der Anspielungen und Zitate nimmt das Publikum aber nicht wahr.

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