Physiker Rudolf Grimm ist "Wissenschafter des Jahres 2009"

2. Februar 2010, 12:18
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Der ehemalige Punkrocker und wissenschaftliche Leiter des IQOQI forscht zu den Themen Bose-Einstein-Kondensat (BEC) und Supraleitung

Wien - Der Experimentalphysiker - und nebenbei auch ehemaliger Gitarrist der Punk-Band "Bärchen und die Milchbubis" - Rudolf Grimm (49) ist Österreichs "Wissenschafter des Jahres 2009". Diese Auszeichnung des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten wurde dem an der Uni Innsbruck lehrenden wissenschaftlichen Leiter des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am Dienstag in Wien überreicht.

Mit der Auszeichnung wollen die Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vor allem das Bemühen von Forschern würdigen, ihre Arbeit und ihr Fach einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen und damit das Image der österreichischen Forschung zu heben. In Kooperation des Klubs mit dem Office of Science and Technology (OST) an der österreichischen Botschaft in Washington wird der "Wissenschafter des Jahres" zudem zu einem Vortrag in die US-Hauptstadt eingeladen.

Bahnbrechende Experimente

Grimms Arbeiten - darunter weltweit viel beachtete, bahnbrechende Experimente - drehen sich um die Phänomene Bose-Einstein-Kondensat (BEC), Superfluidität und Supraleitung. Im Zustand des BEC verlieren Teilchen bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt quasi ihre Identität und beginnen im Gleichmarsch zu funktionieren. Auch bewegen sich die Teilchen völlig widerstandslos, also ohne Reibung. BEC wird als völlig eigener Zustand der Materie - neben gasförmig, fest oder flüssig - angesehen. Neben zahlreichen Publikationen in Top-Journalen wie "Nature" oder "Science" kümmert sich Grimm aber auch um die Nachwuchspflege. So organisierte er etwa die Innsbrucker Sommerschule für Physik-Studenten.

Eine Lanze brach Rudolf Grimm, dessen jüngste Publikation über chemische Austauschreaktionen im Bose-Einstein-Kondensat diese Woche in der renommierten Fachzeitschrift Physical Review Letters erschienen ist, für die Grundlagenforschung. Diese müsse vor "kurzfristigen Begehrlichkeiten" geschützt werden, so der frisch gekürte "Wissenschafter des Jahres 2009" bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Wien. Zuletzt war vor allem von Wirtschaftsseite gefordert worden, mehr Geld in die angewandte Forschung zu investieren, weil diese kurzfristig wirksam wäre.

Bei der Grundlagenforschung gehe es nicht darum, "wie ein Ingenieur wohl definierte Ziele zu erreichen, sondern neue Grundlagen zu schaffen", so Grimm. Heutzutage wisse etwa jeder, was ein Laser ist: "Der galt aber einmal als Kuriosität ohne Anwendung." Ein Problem sieht der Physiker darin, dass oft von einer "Uni-Misere" gesprochen werde. Da die Grundlagenforschung meist an Unis stattfinde, schlage dieses allgemeine Stimmungsbild direkt auf die Wissenschaft durch: Es gebe aber an den Unis viele Bereiche, die erstaunlich gut funktionierten. Auch der Wissenschaftsfonds FWF arbeite "vorbildlich" und genüge internationalen Standards. Wenn es dessen an Exzellenz orientierte Förderung nicht gäbe, würde es aber traurig aussehen.

Unizugang: Österreichisches Modell "funktioniert so einfach nicht"

Die Studentenproteste sieht Grimm, dessen Fachbereich Physik vom Studentenansturm relativ unberührt ist, mit gemischten Gefühlen: Viele konkrete Forderungen seien "blanker Unsinn" - auf der anderen Seite hätten "junge Leute eine sehr empfindliche Antenne, dass irgendetwas völlig verquer läuft". Das Thema Hochschulzugang beschrieb er von der internationalen Warte aus: Wenn er im Ausland herumreise, gebe es überall nur "Kopfschütteln über den völlig freien Zugang". Das österreichische Modell "funktioniert so einfach nicht".

Niemand solle aber nicht studieren können, weil er keine reichen Eltern habe, meinte Grimm: Er plädierte daher für "moderate" Studiengebühren mit sozialer Abfederung - so könne auch der Ansturm von deutschen Numerus-Clausus-Flüchtlingen gemildert werden.

Sein eigenes Forschungsgebiet, die Quantenphysik, hält Grimm in der Öffentlichkeit für "nicht unbedingt schwer vermittelbar". Man müsse aber mit Bildern wie im Gleichklang schwingenden Wellen arbeiten und aufzeigen, dass hinter der Wissenschaft auch "eine Reihe menschlicher Geschichten" stehe.

Gewaltiger Konkurrenzdruck

Den Konkurrenzdruck in seinem Fachgebiet bezeichnete Grimm als "oft gewaltig": Gerade bei Experimenten komme es darauf an, im Wettstreit mit anderen Forschergruppen die "Dinge im richtigen Zeitpunkt zum Laufen zu bringen". Da gehöre auch eine Portion Glück dazu. Trotzdem herrsche zwischen den konkurrierenden Teams ein reger Gedankenaustausch - der "allerletzte Trick" werde aber nicht verraten.

Innsbruck ist für Grimm mittlerweile zu einem attraktiven Forschungsstandort geworden. Die Tiroler Landeshauptstadt biete nicht zuletzt auch enorme Lebensqualität: "Wissenschafter sind auch Menschen - das darf man nicht vergessen." Die Etablierung eines Quantenphysik-Schwerpunktes im Institute of Science and Technology (IST) Austria in Maria Gugging (NÖ) hält er unter Verweis auf das Institut für Quantenoptik und Quanteninformatik (IQOQI) für unnötig: "Das hat wenig Sinn für Österreich, wenn der Bereich anderswo schon stark vertreten ist."

"Bärchen und die Milchbubis"

Der Experimentalphysiker kann nicht nur auf eine wissenschaftliche Karriere zurückblicken: Bevor Grimm seine Forschungsergebnisse zur ultrakalten Quantenmaterie in den Fachzeitschriften "Nature" und "Science" publizierte, füllte er als Gitarrist der Punk-Band "Bärchen und die Milchbubis" Anfang der 1980er Jahre die "Bravo".

Nach Singles wie "Jung kaputt spart Altersheim", die hierzulande auch auf Ö3 liefen, konzentrierte sich der am 10. November 1961 in Mannheim geborene Grimm aber auf sein Physik-Studium, das er 1986 abschloss. Nach dem Doktoratsstudium am der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich ging er nach Heidelberg an das Max-Planck-Institut für Kernphysik, 2000 folgte er einem Ruf als Professor an die Universität Innsbruck. Seit 2003 ist Grimm zusätzlich Wissenschaftlicher Direktor des IQOQI, seit 2006 wirkliches Mitglied der ÖAW.

Die Auszeichnung "Wissenschafter des Jahres" haben bisher u.a. die Allergieforscherin Fatima Ferreira (2008), der mittlerweile verstorbene Literaturwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler (2007), der Philosoph Konrad Paul Liessmann (2006), die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb (2005), der Mathematiker Rudolf Taschner (2004), der Immunologe Josef Penninger (2003) und die Mikrobiologin Renee Schroeder (2002) erhalten. (red/APA)

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    Wissenschafter des Jahres 2009 Rudolf Grimm.

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