"Up in the Air": Die Bonusmeile in die Selbsterkenntnis

1. Februar 2010, 18:08
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George Clooney fliegt in Jason Reitmans Tragikomödie "Up in the Air", die sich in den letzten Monaten zu einem der Oscar-Favoriten gemausert hat, um sein Glück

Wien - Für alles, was die Welt des Fliegens anbelangt, ist dieser Mann Experte. Ryan Bingham (George Clooney) weiß, wie man seinen Trolley am platzsparendsten packt. Er hat eine Expertise darin, in welcher Reihe man, abhängig von den dort bereits Wartenden, am schnellsten durch den Security-Check kommt. Und die geschmeidig-elegante Art und Weise, mit der er eine so profane Sache hinbekommt, wie einen Boarding-Pass auszudrucken, könnte man schon als eine Form von Alltags-Zen bezeichnen.

Bingham, Held von Jason Reitmans neuem Film Up in the Air, der sich in den letzten Monaten zu einem der Oscar-Favoriten gemausert hat, ist einer von vielen Anzug tragenden Geschäftsmännern, die tagtäglich durch die Hubs dieser Welt geschleust werden. Ein Willy Loman der Gegenwart, der jedoch anders als die Figur in Arthur Millers Stück kein Repräsentant eines ausgehenden Zeitalters ist, sondern sich vielmehr konform in das gegenwärtige System einfügt.

Jemand wie Bingham glaubt tatsächlich daran, keine Spuren zu hinterlassen. Dem steht allerdings ein Job gegenüber, dessen Dienstleistung darin besteht, die schlechte Nachricht einer Kündigung so zu vermitteln, dass sie wie ein Karrieresprung klingt. Oberflächlich verschafft das Up in the Air in Zeiten der Wirtschaftskrise Aktualität. Doch Reitman geht es nicht so sehr um die Opfer, die er in einem klugen Schachzug von realen Personen verkörpern lässt, als um einen Kontrast, der dem Film seine eigentliche Spannung verleiht: Er lässt Bingham, einen Mann, der sich keine Sekunde lang mit moralischen Skrupeln aufhält, sein Leben durchaus genießen. Und er buhlt um unsere Sympathie, wenn er ihn mit Hollywoods führendem Charmeur George Clooney besetzt.

Reitman hat schon in seinen bisherigen Filmen, Thank You for Smoking und Juno, gezeigt, dass sich auch aus schwierigen Themen ein Feel-Good-Movie formen lässt. In Up in the Air, der die Vorlage Walter Kirns erweitert, ist im Kern sogar unentschieden, wie groß die Fallhöhe ausfällt. Clooney folgt Bingham bis genau zu dieser Kreuzung, wo die Tragödie eines lächerlichen Mannes beginnt - und die komische gebrochene Wandlung eines leeren Menschen endet. Reitman wiederum vermag sogar der anonymen Welt der Flughäfen noch eine Form der Geborgenheit zu verleihen.

Der Weg, der Bingham zur Entdeckung von Verantwortung führt, verläuft weit konventioneller. Zwei Frauen machen den Unterschied. Eine überehrgeizige Kollegin (Anna Kendrick) zwängt ihn in die ungeliebte Rolle des Lehrers. Vor allem aber bringt die großartige Vera Farmiga als ihm ebenbürtige Geschäftsfrau ("Think of me as yourself, only with a vagina." ) die nichtigen Seiten seiner Existenz zum Vorschein. Ihre Affäre ist ein zweckgerichtetes Arrangement, dem der Film eine romantische Note verleiht: Plötzlich kennt Bingham noch ein anderes Ziel als Meilensammeln.

Die Bekehrung verfolgt Reitman glücklicherweise nicht bis zu einem Ende, das die Widersprüche des Films in Sentimentalität auflösen würde. Das richtige Leben, was auch immer das genau ist: In Up in the Air bleibt es eine Schimäre, die ein wenig an die Papptafel eines Paars erinnert, die Bingham in seinem Gepäck mitführt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 02.02.2010)

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  • Ein Mann, dessen Leben auf dem Bett ausgebreitet liegt: George Clooney
zeigt sich in Jason Reitmans "Up in the Air" von seiner verletzbareren
Seite.
    foto: upi

    Ein Mann, dessen Leben auf dem Bett ausgebreitet liegt: George Clooney zeigt sich in Jason Reitmans "Up in the Air" von seiner verletzbareren Seite.

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