Als wir Würmer waren

1. Februar 2010, 19:35
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Vorfahr von Mensch und Wurm genetisch rekonstruiert

Wien/Heidelberg - Die letzten gemeinsamen Ahnen von Mensch und Schimpanse lebten vor rund sechs Millionen Jahren. Das kann man sich noch irgendwie vorstellen. Vor sehr viel längerer Zeit lebten auf Erden aber auch die letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Wurm. Und über die haben Wissenschafter des European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg Erstaunliches herausgefunden.

Wie die deutschen Forscher gemeinsam mit Kollegen der Max F. Perutz Laboratories (MFPL) in Wien in der neusten Ausgabe von Nature (online) schreiben, dürften diese Tiere bereits ein komplexes Gehirn gehabt haben, das auch Hormone produzierte.

Ihre Arbeit stützt sich nicht etwa auf Fossilien sondern Analysen von sogenannter Mikro-RNA. RNA bezeichnet Molekülstränge, die von der Erbsubstanz (DNA) abgelesen werden. Im Gegensatz zu anderen RNA-Stücken dient Mikro-RNA nicht der Produktion von Proteinen, sondern der Steuerung, wann etwas von der DNA abgelesen wird.

Es ist bereits bekannt, dass verschiedene Organismen jeweils spezifische Mikro-RNA besitzen. Daneben gibt es aber auch solche Abschnitte, die sehr konservativ sind und in gleicher Weise in den verschiedensten Lebewesen vorkommen. Durch Vergleiche lassen sich so die Stammbäume der Evolution nachzeichnen, sogar für Organismen, von denen keine Fossilien erhalten blieben.

Die Genetiker konzentrierten sich auf den Meeres-Ringelwurm Platynereis dumerilii, der sich in den vergangenen 600 Millionen Jahren kaum verändert hat. Es zeigt sich, dass die Mikro-RNA des Ringelwurmes stark gewebe- und zelltypisch ist. Weitere Analysen ergaben, dass die Tiere einige Mikro-RNA mit Wirbeltieren und sogar mit dem Menschen teilen.

Einblicke in Gensteuerung

Manche davon kommen in Teilen des Zentralen Nervensystems vor, die Hormone an das Blut abgeben, aber auch in anderen Abschnitten des Nervensystems oder auch im Darm oder in der Muskulatur. "Das bedeutet, dass auch unser gemeinsamer Vorfahre bereits über diese Strukturen verfügte", so die Wissenschafter.

Die Arbeiten dienen aber nicht nur der Evolutionsforschung, über die Aufklärung von Funktionen und Ähnlichkeiten soll auch generell Licht in das äußerst komplexe System der Gen-Steuerung gebracht werden. Wie die gemeinsamen Ahnen von Menschen und Würmern ausgesehen haben könnten, berichten die Forscher allerdings nichts. (APA, tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2010)

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