Handys schließen die digitale Kluft

30. Jänner 2010, 12:30
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Nach Telefonie bringen Handys auch das Internet in Länder wie Bangladesch, sagt Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus

Bekannt und geehrt wurde Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus für Mikrokredite: Kleine Geldsummen, die an Frauen zur Geschäftsentwicklung vergeben wurde und sie von der Abhängigkeit von Kredithaien befreite. Aus einem 27-Dollar-Projekt in einem Dorf entstanden die Grundlagen der Grameen Bank, die bis heute sieben Mrd. Dollar Kredite an acht Mio. Kreditnehmerinnen, die zugleich Genossenschafterinnen sind, vergab.

"Entlang des Wegs erkannten wir die Kraft der Informationstechnologie. Es ist sehr aufregend zu sehen, welche Möglichkeiten sie in den Händen armer Frauen eröffnet", erklärte Yunus vor wenigen Tagen auf der Innovationskonferenz DLD des Burda-Verlags.

Mobilfunk

"Mitte der 90er-Jahre vergab der Staat Lizenzen für den Mobilfunk. Bis dahin war Telekom ein Staatsmonopol, und wir entschlossen uns, uns um eine Lizenz zu bewerben. Die Beamten sagten: Ihr vergebt doch Kredite an die Armen, was wollt ihr damit anfangen? Ich erklärte ihnen, dass wir diese Telefone in die Dörfer bringen und dort den Frauen geben werden, die damit einen Handyverleih aufziehen und sich so den Lebensunterhalt verdienen können."

Grameen erhielt 1997 eine Lizenz, Grameenphone ist heute der größte mobile Provider in Bangladesh. "Bald gab es 400.000 Telefon-Ladys, denen der Handykauf mittels Mikrokredit einen raschen Weg aus der Armut öffnete. Die Telefon-Ladys machten ein so gutes Geschäft, dass es sie heute nicht mehr gibt, weil inzwischen jeder ein Handy hat." 50 Millionen Anschlüsse werden in Bangladesch derzeit gezählt, 25 Millionen bei Grameenphone.

Chance

Jetzt sieht Yunus im mobilen Internet die Chance auf einen weiteren Entwicklungsschub. "Aus Telefon-Ladys werden Internet-Ladys werden, weil Handys heute internetfähig sind. Es geht nur darum, sich den Gebrauch anzueignen." So rasch, wie sie Handys verstanden, so schnell werden sie auch die neuen Funktionen erlernen und anderen zugänglich machen, "weil es ihnen Geld bringt", erklärte Yunus.

"Es gibt nichts, das unmöglich ist. Mit der Kraft der Technologie können wir viele Hindernisse überwinden." Als Beispiel nennt Yunus ein Projekt zur Gesundheitsvorsorge. Zusammen mit Unternehmen wie GE Healthcare entwickle man derzeit ein "diagnostisches Infrarotsystem in einer Schuhschachtel, das so einfach zu bedienen sein soll wie die Kameras in Handys". Damit könne man unter anderem schwangere Frauen besuchen und Infrarotbilder über Mobilfunk zur Kontrolle an Spezialisten übertragen. "Die Gesundheitsvorsorge muss zu den Frauen in die Dörfer kommen, weil die Spezialisten nur in Städten wohnen. Aber der Mobilfunk kann die Distanz zwischen Patientinnen und Ärzten überwinden."

Smartphones die Zukunft

Er sei überzeugt, dass in Ländern wie Bangladesch nicht Notebooks oder Projekte wie der 100-Dollar-Laptop, sondern Handys mit Touchscreens "die Zukunft sind. Sie sind eine Revolution, als Schule, als Freund, als Guide, oder für Frauen, die nicht lesen oder schreiben können, aber kommunizieren können, indem sie ein Bild oder ein Symbol berühren." Und die Bezahlung? "Sobald Leute sehen, welchen Nutzen ihnen diese Geräte in ihrem Alltag bringen, werden sie sie auch kaufen wollen."

(Helmut Spudich, DER STANDARD/Printausgabe, 30.1.2010)

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    "Handys sind der schnellste Weg aus der Armut": Nobelpreisträger Muhammad Yunus.

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    Eine Familie in Dhaka fotografiert eine Sonnenfinsternis mit ihren Handykameras. Nobelpreisträger Muhammad Yunus sieht in internetfähigen Handys "eine Revolution" für Entwicklungsländer.

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