"Wir können nicht endlos Pflegeheime bauen"

29. Jänner 2010, 18:47
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Georg Psota, der neue Leiter des Psychosozialen Dienstes in Wien, möchte mehr Augenmerk auf die Betreuung von Kindern und alten Menschen legen

Standard: Laut einer aktuellen OECD-Studie liegt in Österreich die Selbstmordrate bei 15- bis 19-Jährigen sehr hoch. Mangelt es an Prävention?

Psota: Wir haben in ganz Österreich nur ein paar Dutzend Kinder- und Jugendpsychiater, das ist sicher zu wenig. Kinder- und Jugendpsychiatrie wird ein Schwerpunkt im Psychosozialen Dienst sein. Wir werden versuchen, die sogenannten Liaisondienste auszubauen, sprich: Ein Arzt kommt nicht nur, wenn er gerufen wird, sondern sucht eine Einrichtung regelmäßig für einige Stunden pro Woche auf und liefert Know-how.

Standard: Mit welchen Institutionen werden Sie kooperieren?

Psota: Etwa mit Wohngruppen für Kinder und Jugendliche. Da gibt es diesen Liaisondienst, und den werden wir ausbauen. Wir werden aber nicht Konzepte, die wir für falsch halten, fördern, also: die Feuerwehr, den Notfalleinsatz.

Standard: Ihr Spezialgebiet ist die Gerontopsychiatrie. Wie sieht eine zeitgemäße Betreuung alter, psychisch kranker Menschen aus?

Psota: Ambulant vor stationär, so weit das möglich ist. Es ist ein Faktum, dass diese Altersgruppe immer größer wird, also steigen auch die absoluten Zahlen an Demenzkranken. Derzeit sind es 100.000, in den nächsten 30 Jahren werden es etwa 250.000 sein, vielleicht sogar mehr. Demenzkranke kann man ab einem gewissen Stadium nicht mehr alleine wohnen lassen. Da wird es auch andere Wohnformen brauchen. Ich habe die ersten Demenz-WGs in Wien sehr unterstützt. Wir können nicht endlos Pflegeheime bauen - weder wollen das die Menschen, noch ist es finanzierbar, noch ist es gut.

Standard: Welche Verbesserungsmöglichkeiten gibt es an der Schnittstelle von stationärer und ambulanter Betreuung?

Psota: Ich würde sagen, es geht darum, aus der Schnittstelle eine Nahtstelle zu machen. Schon kurz nachdem ein Patient stationär aufgenommen wurde, muss man darüber nachdenken, was sein wird, wenn er wieder entlassen wird. Es ist abzuklären, wie man eine gute Begleitung nach draußen schafft. Dazu braucht es wiederum Informationen und die Expertise von außen.

Standard: Klappt das in Wien?

Psota: Es ist sicher ausbaubar. Es geht darum, ob das geregelter ablaufen soll. Es müssen beide Bereiche gehört werden. Und es kommt auch auf die handelnden Personen an. Eine Variante ist, dass in der ersten Woche ein Mitarbeiter des PSD in eine psychiatrische Abteilung im Krankenhaus fährt, in der nächsten Woche findet der Gegenbesuch statt, und in der dritten Woche wird telefoniert. Aber vielleicht könnte man das standardisieren.

Standard: Es heißt, das österreichische Gesundheitswesen sei sehr spitalslastig. Ist das in Ihrem Bereich auch so?

Psota: Nicht in der Psychiatrie - nicht mehr. Der Wiener PSD gehört zu den wenigen Einrichtungen in Österreich, die Krankenanstaltenrecht haben. Das heißt, in den anderen Bundesländern kann zwar ambulant beraten werden, zur Behandlung werden die Leute aber erst wieder ins Spital geschickt. Aber auch in Wien sind wir mit den 500 psychiatrischen Betten sicher am untersten möglichen Limit. Weniger geht nicht. Ich würde sagen, stationärer und ambulanter Bereich sind ausgewogen.

Standard: Im letzten Kontrollamtsbericht wurde die mangelnde Ausstattung des PSD mit Computern kritisiert. Ich sehe, Sie haben ja einen auf Ihrem Schreibtisch stehen.

Psota: Wow, oder?

Standard: Aber wie kann es sein, dass es in einer Einrichtung wie dieser für das medizinische Personal erst seit 2008 Computer gibt?

Psota: Ich bin froh, dass ich den PC hier habe und stehe dazu, dass wir Computer brauchen. In der Begegnung mit psychisch Kranken sind mir aber meine Ohren am wichtigsten, und dann kommt lange nichts. Es stellt sich auch die Frage nach der Datensicherheit, das ist nicht so einfach. Es müssten eigene Tools entwickelt werden, die auf die Psychiatrie zugeschnitten sind - und die Vernetzung mit den Spitälern müsste geschaffen werden.

Standard: Ihr Vorgänger Stephan Rudas hatte Kritiker, galt aber vielen auch als unantastbar. Wie wollen Sie sich profilieren?

Psota: Stephan Rudas hat mit der Psychiatriereform 1979 und der Gründung des PSD Veränderungen riesigen Ausmaßes bewirkt. Diese waren für ganz Österreich von größter Bedeutung. Jetzt geht es darum, die Integration von psychisch Kranken, deren Angehörigen und der Psychiatrie im Gesamten, auch dort, wo es um schwerer Kranke geht, zu einer zunehmenden Selbstverständlichkeit zu begleiten. Das ist die Aufgabe dieser Generation von Psychiatern und Psychiaterinnen und daher auch meine. (Andrea Heigl und Bettina Fernsebner/DER STANDARD, Printausgabe, 30./31. Jänner 2010)

Zur Person

Georg Psota (51) ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er ist seit 1985 für den Psychosozialen Dienst Wien tätig, den er seit Jahresbeginn leitet.

  • Eine weitere Entstigmatisierung von psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen sieht PSD-Leiter Georg Psota als wichtige Aufgabe für die gegenwärtige Psychiatrie
    foto: der standard/heribert corn

    Eine weitere Entstigmatisierung von psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen sieht PSD-Leiter Georg Psota als wichtige Aufgabe für die gegenwärtige Psychiatrie

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