Mit Bulldozern gegen die Datschensiedlung

29. Jänner 2010, 17:48
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Moskauer Bürgermeister ordnet Räumung an - Bewohner sehen sich als Opfer einer Oligarchen-Intrige

Der Anruf kam in den frühen Morgenstunden: "Die Bulldozer sind da." Alexander Roman setzte sich sofort in seinen weißen Audi und raste los. Doch als er in der Datschensiedlung Retschnik im Nordwesten von Moskau ankam, war es bereits zu spät. Vom Wochendhäuschen der Familie Roman war nur noch ein Schutthaufen übrig.

"Sie haben unsere Sachen aus den Fenstern geworfen und dann mit Bulldozern die Wände niedergerissen" , sagt Alexanders Mutter Ludmilla und blickt wehmütig auf den mit Schnee bedeckten Schutt herab. Zwischen den zerborstenen Brettern lugen die Überreste eines karierten Sofas und eine zerfetzte Daunenjacke hervor.

In den 1950er-Jahren hatte die Großmutter von Alexander für ihre Verdienste im Zweiten Weltkrieg das Recht erhalten, auf einem kleinen Stück Land Obst und Gemüse anzubauen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion begannen die Nachkommen der so belohnten Sowjetbürgerin auf dem Grundstück eine Datscha zu bauen.

Illegal, wie der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow meint. Er beruft sich auf ein Urteil eines Moskauer Gerichts, wonach die Siedlung im Naturschutzgebiet liegt, und hat trotz Temperaturen von 20 Grad minus Bulldozer und die Sondereinheit Omon in Bewegung gesetzt, um die Siedlung zu räumen. Deren Einwohner sehen die Rechtslage natürlich anders. Nachdem sie schon länger als 15 Jahre in Retschnik wohnen, müssten die Gründe laut der russischen Zivilgesetzordnung in ihr Eigentum übergegangen sein.

Mit Straßenblockaden versuchen die Bewohner verzweifelt, die Bulldozer aufzuhalten. Alexanders Nachbar hat sogar angekündigt, sich mit Benzin zu übergießen und anzuzünden, sollten sich die Baumaschinen seinem Haus nähern.

Bisher wurden in der Moskauer Datschensiedlung zwölf Häuser zerstört. Wenn es nach der Moskauer Stadtverwaltung geht, sollen 40 von insgesamt rund 280 Häusern abgerissen werden. Eine Kompensation werden die Eigentümer der zerstörten Häuser nicht bekommen. Die Stadtverwaltung droht sogar, ihnen den Abriss in Rechnung zu stellen. "Sie wollen dafür zwei Millionen Rubel. So viel hat dieses Haus nicht einmal gekostet" , sagt Alexander empört.

Die gewaltsame Räumung der Siedlung Retschnik wirft ein Schlaglicht auf den noch immer mangelhaften Schutz von Eigentumsrechten in Russland. "Wenn man über Einfluss und Macht verfügt, dann sind die Eigentumsrechte gesichert. Wenn einem beides fehlt, dann kann einem sein Eigentum jederzeit weggenommen werden" , schrieb Sergej Mitrochin, Chef der Oppositionspartei Jabloko, in seinem Internetblog.

Die Siedlung Retschnik ist kein Einzelfall. Experten schätzen, dass durch das Rechtsvakuum nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mehr als die Hälfte der Häuser ohne korrekte Dokumente gebaut wurden. Warum also wird dann gerade die Datschensiedlung am Ufer der Moskwa abgerissen?

Alexander weiß die Antwort: "Die Oligarchen haben ein Interesse, an billiges Bauland zu kommen" . "Die größten Oligarchen sind der Bürgermeister selbst und seine Frau - die reichste Frau Russlands" , legt Ludmilla nach. Vor vier Jahren hat Luschkow schon einmal eine Holzhaussiedlung niederreißen und neue Wolkenkratzer bauen lassen. Seine Frau, Jelena Baturina, hat es als Besitzerin der Baufirma Inteko in kurzer Zeit laut Forbes 2008 auf ein Vermögen von 4,2 Milliarden US-Dollar (3 Mrd. Euro) gebracht.

Das Land, auf der die Datschensiedlung steht, ist laut ihren Bewohnern viel Geld wert: 7000 Euro pro Quadratmeter. Unweit der Siedlung Retschnik befindet sich, von hohen Mauern umgeben, die Reichensiedlung "Fantasieinsel" . 2004 wurden dort unter ebenfalls nicht ganz geklärten Umständen und ebenfalls im Naturschutzgebiet 250 Apartments und Cottages gebaut, die zum Preis von bis zu 14.000 Euro vermietet werden. Laut der Tageszeitung Wedomosti sollen dort Industrieminister Wiktor Christenko und seine Frau, die Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa, sowie die Oligarchen Umar Dschabrailow und Iskander Machmudow wohnen.

Die Bewohner von Retschnik unterstellen Luschkow daher, dass es ihm nicht so sehr um den Umweltschutz gehe, sondern eher um die Erweiterung der "Fantasieinsel" . "Wie soll man in so einem Land leben?" , fragt Ludmilla verächtlich. Und Alexander, der eine Jacke und eine Mütze mit der Aufschrift "Russia" trägt, verkündet, dass er nun am liebsten seinen russischen Reisepass zerreißen und auswandern würde. (Verena Diethelm aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.1.2010)

  • Alexander Roman vor den Trümmern seines Hauses, das von der Moskauer Stadtverwaltung niedergerissen wurde.
    foto: diethelm

    Alexander Roman vor den Trümmern seines Hauses, das von der Moskauer Stadtverwaltung niedergerissen wurde.

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