Rundschau: Die Go-Go-Girls der Apokalypse

    20. März 2010, 13:14
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    Das große William Shatner-Beben und Bücher von unter anderem Neal Stephenson, Robert Charles Wilson, John Scalzi und Carlton Mellick III

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    coverfoto: swallowdown press

    Jeff Burk: "Shatnerquake"

    Broschiert, 100 Seiten, Eraserhead/Swallowdown Press 2009.

    "Was ist die älteste Masse, die um die Sonne kreist?" wurde Fran Fine mal in einer "Nanny"-Folge gefragt; ihre Antwort lag auf der Hand. Dabei hat William Shatner nicht nur den raumfahrenden Womanizer James T. Kirk - im wahrsten Sinne des Wortes - verkörpert. Der Mann hat, ganz ohne Spiegeluniversum, noch viele, viele Facetten mehr. Den altgedienten Polizisten in "T.J. Hooker", den Denny Crane in der Anwaltserie "Boston Legal", den Moderator der Realityshow "Rescue 911", und und und. Schauspieler, Autor, Schöpfer seiner eigenen Marke und nicht zuletzt Sänger (letzteres file under: special interest). All diese Inkarnationen lässt der junge Bizarro-Autor Jeff Burk aus Oregon in "Shatnerquake" aufeinander treffen. Und Amok laufen. Im sympathischen Vorwort heißt es daher nicht ohne Grund: Dear William Shatner, this work is a tribute to you. Please don't sue me.

    Zynisch kommentiert Shatner - der "reale" - aus seiner Limousine die kostümierten Fans, die zum großen ShatnerCon in ein futuristisches Megaplex-Zentrum strömen, wo er natürlich als Stargast auftreten soll. Drinnen wird er dann aus dem Staunen nicht mehr rauskommen - spätestens wenn er durch die Memorabilia-Sammlung irrt, mit der sein Leben geehrt wird und in der unter anderem seine gebrauchten Kondome ausgestellt werden. Und erst recht, nachdem die Campbellians - Anhänger von Genre-Ikone Bruce Campbell und Todfeinde aller Shatner-Fans - eine Fiction Bomb gezündet haben, die Shatners diversen Leinwand- und Mattscheiben-Charakteren Zutritt zur Realität verschafft. Zornig erkennen sie, dass sie nur Schatten des Einen sind und starten einen Rachefeldzug. Kirk killt als Klingonen kostümierte Trekker, Panik breitet sich aus - und immer wenn jemand von übergewichtigen SF-Fans zu Tode getrampelt wird oder sonstwie unschön zu Tode kommt, steht der Shatner aus "Rescue 911" bereit, um deren Ableben live zu kommentieren. Hilflos müssen die drei Campbellians Bruce, Bruce & Bruce (eineR davon weiblich) mitansehen, was sie da angerichtet haben.

    "Shatnerquake" ist nicht einfach nur ein echter Brüller, sondern auch noch ausgesprochen intelligent: Zugeschneidert auf eine Popkultur, die inzwischen einen bemerkenswerten Grad an Selbstreferenzialität erreicht hat. Erst kürzlich wurde Ian McKellen bei einem seriösen CNN-Interview gefragt, auf wen er bei einem Zweikampf zwischen Gandalf und Magneto setzen würde. Und die Campbellians hat Burk auch nicht zufällig ausgewählt: 2007 machte Bruce Campbell sich selbst in der Action-Komödie "My Name is Bruce" zum Meta-Charakter seiner eigenen Filmkarriere. Überhaupt orientieren sich die AutorInnen des Bizarro-Genres gerne am Film, der das weite Land zwischen Exploitation, Surrealismus und "schlechtem" Geschmack schon viel länger auslotet. Nicht von ungefähr hat sich einer der wichtigsten Bizarro-Verlage nach David Lynchs "Eraserhead" benannt. Im Bizarro-Manifest werden die inhaltlichen Eckpfeiler - von weird über goofy und bloody bis borderline pornographic - bereitwillig dargelegt, plus ein entscheidender Satz: Bizarro often contains a certain cartoon logic that, when applied to the real world, creates an unstable universe where the bizarre becomes the norm and absurdities are made flesh. Diese Cartoon-Logik manifestiert sich nicht zuletzt auch im fließenden Übergang zwischen schreibenden und zeichnenden Angehörigen des Genres - und in der unschlagbaren Bildhaftigkeit, in der man sich das Geschehen ausmalen kann. Schließlich ist Bizarro, above all, fun to read.

    Mit einer Art Happy End wartet Burks Novelle übrigens auch auf: Auf der letzten Seite präsentiert sich der Autor auf einem Autogramm-Foto mit der (äußerst gefälscht aussehenden) Unterschrift "To Jeff, Love the Book. William Shatner" - wollen wir's ihm wünschen, dass es wirklich so ist. Dann kann Jeff Burk nicht nur sein nächstes Projekt "HomoBomb" (keine falschen Assoziationen: es geht um eine Bombe, die nur auf ihresgleichen abzielt) verwirklichen, sondern auch die angedachten Fortsetzungen "Shatnerquest" und "Shatnerpocalypse".

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