Rundschau: Die Go-Go-Girls der Apokalypse

    20. März 2010, 13:14
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    Das große William Shatner-Beben und Bücher von unter anderem Neal Stephenson, Robert Charles Wilson, John Scalzi und Carlton Mellick III

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    coverfoto: heyne

    Robert Charles Wilson: "Darwinia"

    Broschiert, 397 Seiten, € 9,20, Heyne 2010.

    Eine kluge Entscheidung des Verlags, dieses Buch noch einmal herauszugeben. "Darwinia", 1998 geschrieben, erschien 2002 zum ersten Mal auf Deutsch - das war vier Jahre vor dem Rummel um "Spin", der den Namen Robert Charles Wilson per se verkaufsträchtig machte. Zugreifen, wer es bislang noch nicht getan hat: "Darwinia" ist im oberen Drittel des mittlerweile beeindruckenden Schaffens des Autors anzusiedeln: Es reicht vielleicht nicht ganz an die Meisterwerke "Spin" oder "Julian Comstock" heran, hält aber locker mit beispielsweise "Quarantäne" oder "Die Chronolithen" mit.

    Im Jahr 1912 sind die Erinnerungen an das Tunguska-Ereignis und den Durchzug des Halleyschen Kometen noch frisch, als schon wieder ein mysteriöser Lichtschein den Nachthimmel erhellt. Gebannt blicken die Menschen in den USA nach Osten: "Es sieht aus wie das Ende der Welt", befindet die Mutter des Romanhelden Guilford Law. Guilford selbst hingegen, zu dem Zeitpunkt erst 14, glaubt eher, dass es der Anfang von etwas Neuem sein könnte - eine wichtige Charakterisierung, die sich in seinem späteren Handeln immer wieder äußern wird. Erst einmal müssen die Menschen aber verdauen, dass der transatlantische Telegrafenverkehr nach Europa abgerissen ist - sie finden sich gewissermaßen im Komplementärszenario zu John Birminghams jüngst veröffentlichtem "Der Effekt" wieder ... außer dass "Darwinia" das um viele Klassen bessere Buch ist. Nach und nach enthüllen zurückkehrende Schiffsexpeditionen das Ausmaß des Mysteriums: Von Island bis nach Nordafrika und in die russische Steppe hinein ist die vertraute Alte Welt verschwunden. Küstenverläufe, Gebirge und Flüsse sind unverkennbar dieselben geblieben, doch gibt es keine Spuren der bisherigen Besiedelung, und mit den Menschen sind auch alle Tiere und Pflanzen verschwunden - stattdessen überzieht ein exotischer Dschungel die Region. Als habe man ein Stück des Planeten herausgeschnitten und ihm irgendeinen fremdartigen Organismus aufgepfropft.

    Acht Jahre später, als Guilford als Fotograf an einer Expedition in die Neue Alte Welt teilnimmt, der Spötter den Namen Darwinia verpassten, hat das Ereignis in den Vereinigten Staaten gesellschaftliche Spuren hinterlassen. Das Eintreten eines absolut unerklärlichen, offensichtlichen "Wunders" hat der ersten Blüte des Wissenschaftszeitalters etwas den Wind aus den Segeln genommen und religiöse Strömungen gestärkt - sehr zum Verdruss altgedienter Intellektueller, die noch im Geiste der Aufklärung sozialisiert wurden. "Soll Gott doch die Sodomiten heimsuchen. Die Belgier heimzusuchen ist irgendwie lächerlich", ätzt beispielsweise der Smithsonian-Forscher Eugene Randall, während Expeditionsleiter Preston Finch danach trachtet, Belege für seine kreationistischen Theorien zu finden. Guilford selbst findet radikalen Atheismus zwar eher abschreckend, kann sich das Denken aber nicht verkneifen: Er registriert, dass die "neuen Pflanzen" mehr Jahresringe haben, als seit dem Ereignis an Jahren verstrichen ist, und dass sie Samen produzieren. Ergo Erbgut haben müssen, was wiederum ein Beleg für Evolution ist. - Diese Konfliktlinie zwischen wissenschaftlichem Denken und religiösem Wunderglauben zieht sich durch den ganzen Roman; ganz ähnlich wie in "Julian Comstock", wenn auch mit etwas weniger verhärteten Fronten (aber "Darwinia" stammt ja auch noch aus den vergleichsweise unbeschwerten 90ern). Und die eigentliche Konfliktlinie verläuft ohnehin ganz woanders ...

    ... es wäre schließlich nicht Robert Charles Wilson, wenn wir es mit einem Fantasyroman zu tun hätten. Verschiedene Andeutungen werden bald eingestreut: Die Expeditionsteilnehmer träumen davon, dass sie in den Schützengräben eines unbekannten großen Krieges gestorben sind. Und der Scharlatan Elias Vale entwickelt plötzlich echte seherische Fähigkeiten, als er in Kontakt zu einer insektoiden "Gottheit" tritt, die ihm einerseits Unsterblichkeit verheißt und andererseits eröffnet, dass er bereits tot sei. Am Ende des ersten von mehreren Büchern, in die sich der Roman gliedert, wird es einen Perspektivenwechsel (und zwar einen ordentlichen) geben, der den Hintergrund vergleichsweise früh offenlegt. Dazu sei hier natürlich trotzdem nichts gesagt, aber ein Hinweis gegeben: Durch einen Satzfehler werden dort die Zahlen 109 und 103 auftauchen, wo eigentlich 109 und 103 stehen müsste. Macht was draus!

    Ein anderer Perspektivenwechsel macht einen wesentlichen Teil des Vergnügens an "Darwinia" aus: Plötzlich ist Europa seinerseits zum Dunklen Kontinent geworden, der als Projektionsfläche für allerlei Fantasien herhalten muss. Edgar Rice Burroughs siedelt seine reißerischen Pulp-Geschichten nun nicht mehr im "finsteren Herz" Afrikas an, sondern in der darwinischen Wildnis, die Entdecker Finch mit Tropenhelm durchmisst und wo sich das neugebaute London als Western-artiges Pionierstädtchen präsentiert. Weniger lustig, aber ebenso treffend die Umkehrung der globalen Machtverhältnisse: Europa, das den Kolonialismus einst erfunden hat, ist nun per US-Doktrin zur allgemeinen Besiedelung freigegeben - ein wildes Gerangel um Rohstofflagerstätten und nutzbare Flächen setzt ein. - All das würde für einen guten Roman schon reichen, erhält durch die zunächst noch unbekannte Rahmenhandlung aber eine weitere Ebene. Möglich, dass Wilson, dessen schriftstellerisches Vermögen sich über die Jahre zusehends gesteigert hat, heute einen subtileren Handlungsaufbau wählen würde. Wodurch es in der zweiten Romanhälfte nicht nur um den Ausgang des epischen Kampfes im Hintergrund gehen würde, sondern man auch noch etwas länger über dessen Bedeutung rätseln müsste. Dann wäre "Darwinia" ein großartiger Roman geworden - so ist es aber immer noch ein sehr, sehr guter geblieben.

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