Neue Heimaten? Ein Versuch

29. Jänner 2010, 14:34
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Für die MigrantInnen im oststeirischen Feldbach gestaltet sich die Heimatsuche schwierig. Das vermeintliche "daheim" bleibt oft ein Provisorium

Die beiden Künstlerinnen Marusa und Meta Krese haben im oststeirischen Feldbach das Gespräch mit Migrantinnen und Migranten aus der Türkei gesucht und ihre Eindrücke literarisch und fotografisch in dem jüngst im Grazer Clio-Verlag erschienen Band festgehalten.

Alltagsrealitäten thematisieren 

"In der Diskussion um Migration und Integration werden die sozialen Alltagsrealitäten von zugewanderten Menschen kaum ernsthaft thematisiert", sagt Robert Reithofer, Geschäftsführer von ISOP (Innovative Sozialprojekte) und Mitherausgeber der Publikation. "Neue Heimaten?" soll einen Kontrapunkt setzen: Abseits vom politischen Diskurs um das immer schärfer werdende Fremden- und Asylgesetz, aber auch fernab von den naiven Forderungen nach einer weltoffenen Multikulti-Gesellschaft präsentieren die Schwestern Krese Lebens- und Alltagsgeschichten.

Heimatsuche

Der Band bietet einen ungeschönten Blick auf das Leben jener Menschen, die ihre alte Heimat verlassen haben, ihren Lebensmittelpunkt aber teilweise in der neuen noch nicht gefunden haben. Zerrissenheit, so scheint es, wird für Migranten unweigerlich zum Teil der Lebensgeschichte: "So manche sind nicht wirklich angekommen in Österreich", konstatiert Marusa Krese. Ihre alte Heimat haben die Feldbacher Türken längst verlassen, ihre neue erscheint vielen aber wie eine Übergangslösung. Das Ankommen fällt ihnen unterschiedlich schwer. Frauen gehen leichter damit um, ebenso wie die Jüngsten, die in Feldbach nicht nur ein (provisorisches) Heim gefunden haben: Wenn die Kinder im Sommerurlaub in der Türkei, "endlich nach Hause" wollen, meinen sie Feldbach. Während das Leben der meisten Interviewten zwischen Heimweh und dem zermürbenden Alltag zerrinnt, wächst eine Generation heran, die keine andere Heimat kennt. Wie werden diese Kinder mit der vererbten Zerrissenheit umgehen, fragen die Herausgeberinnen zum Abschluss. 

"Die Geschichte von Menschen hinter geschlossenen Türen" der beiden Schwestern Krese bietet einen nüchternen Blick auf jene Menschen, die ihre Zugehörigkeit zu der Gesellschaft in der sie leben, aber auch zu jener, aus der sie kommen, täglich hinterfragen müssen.

Marusa Krese, Meta Krese, Robert Reithofer (Hg.): Neue Heimaten? Ein Versuch.
ISBN 978-3-902542-21-3
Clio-Verlag, Graz 2010.

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    foto: clio verlag
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