Leopold Lucas-Preis an Peter L. Berger

28. Jänner 2010, 15:54
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In Wien geborener Forscher verankert Religionssoziologie im Horizont einer allgemeinen Kultur- und Gesellschaftstheorie

Tübingen - Der mit 50.000 Euro dotierte Dr. Leopold Lucas-Preis für das Jahr 2010 geht an den Religionssoziologen und Sozialphilosophen Peter L. Berger, gab die Eberhard Karls Universität Tübingen am Donnerstag in einer Aussendung bekannt. Der in Wien geborene Forscher gehöre zu den weltweit führenden Vertretern seines Faches.

Das wichtigste Arbeits- und Forschungsfeld Bergers stellt die Religionssoziologie dar, die er im Horizont einer allgemeinen Kultur- und Gesellschaftstheorie verankert. Er kann als Begründer der neueren Religionssoziologie jenseits des Säkularisierungs-Paradigmas gelten, gab die Universität bekannt. Die religiöse Gegenwartssituation kennzeichnet er mit dem Begriff des "häretischen Imperativs". Demnach gibt es keine fraglose Akzeptanz religiöser Überzeugungen mehr, sondern nur noch Verhältnisse einer bewussten Auswahlentscheidung. Pluralistische Entwicklungen betreffen in der modernen Gesellschaft aber nicht nur die Religion, sondern alle Gewissheiten, was zu dem von Berger beschriebenen "Unbehagen in der Modernität" führt. Bergers Arbeit gilt der Suche nach Wegen zwischen einem Relativismus, der alle Traditionen auf einen trivialen gemeinsamen Nenner reduziert, und einem Fundamentalismus, der sich jeder Infragestellung der eigenen Tradition entzieht.

Biografisches

Berger wurde 1929 in Wien geboren und lebt seit 1946 in den USA. Ab 1956 lehrte er an verschiedenen renommierten Universitäten, u.a. an der New School for Social Research, der Rutgers University und an der Boston University. Er ist Ehrendoktor zahlreicher Universitäten sowie Ehrenmitglied hochangesehener wissenschaftlicher Gesellschaften und Träger zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen (Sperber-Preis Wien 1992, Wittgenstein-Preis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft 2000, Watzlawick-Ehrenring 2008).

Seinen Weltruhm begründete besonders das gemeinsam mit Thomas Luckmann verfasste Werk "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit", das 1966 in den USA erschien und bis heute immer wieder als Klassiker nachgedruckt wird. Seit fast 40 Jahren beschäftigt sich Berger darüber hinaus mit Problemen der politischen Ethik im globalen Zusammenhang. Seit 1985 ist er Direktor des Institute on Culture, Religion and World Affairs der Boston University.

Hintergrund

Der Dr. Leopold-Lucas-Preis würdigt alljährlich hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung und der Philosophie. Er ehrt dabei insbesondere Persönlichkeiten, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch Veröffentlichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Zu den PreisträgerInnen zählen u.a. Raimund Popper, Tenzin Gyatso (der 14. Dalai Lama), Richard von Weizsäcker und die englische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong. (red)

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