Die "guten" Ausländer

27. Jänner 2010, 20:03
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Die Grenzen sind zwar offen, aber von dem wachsenden Strom von Migranten aus Afrika sind in erster Linie heute Spanien, Italien und Frankreich betroffen

Österreich war zwischen 1956 und 1989 für Millionen Menschen hinter dem Eisernen Vorhang nicht bloß ein Schaufenster des Westens, sondern auch ein Leuchtturm der Freiheit und der Toleranz. Der gute Ruf der Zweiten Republik hing mit der Reaktion auf die blutige Niederschlagung der ungarischen Revolution 1956 durch die Sowjets zusammen. Dass ein Land nach sieben Jahren "Anschluss" und Krieg, nach zehn Jahren Besetzung und so kurz nach dem Abzug der letzten fremden Soldaten, aber noch ohne eigene Armee die fast 200.000 ungarischen Flüchtlinge derart unerschrocken und großzügig aufgenommen hat, bleibt für meine Generation ausschlaggebend.

Hier bestand ein Volk seine historische Bewährungsprobe. Dass die meisten auswanderungswilligen Flüchtlinge damals in relativ kurzer Zeit Österreich verlassen haben, ändert nichts an dem unauslöschlichen Eindruck des "guten Österreichs" . Diesen Eindruck hatten im Großen und Ganzen auch 1968 die Tschechen und Slowaken, 1980-81 die Polen, 1991-1995 die Flüchtlinge aus dem zerfallenen Jugoslawien und 1999 die Kosovo-Albaner. Wie hilfsbereit man noch 1982 die tschechische Flüchtlingsfamilie des Eishockeystars Thomas Vanek behandelt hat, kann man übrigens in seinem soeben veröffentlichten Buch ("Das Spiel meines Lebens" , Ecowin Verlag) nachlesen.

Der Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz und die Mitarbeiter des Arbeitsmarktservice (AMS) weisen zu Recht (Kurier 24. Jänner) darauf hin, dass 1,4 Millionen Einwohner einen Migrationshintergrund haben und dass ohne die 430.000 beschäftigten Ausländer (mit den Migranten der ersten Generation, also Eingebürgerten, ausländischen Eltern oder nicht in Österreich Geborenen sind es 651.000!) "eine Riesen-Rezession, eine Katastrophe entstehen" würde. Im AKH etwa ist fast jeder siebte Bedienstete kein gebürtiger Österreicher.

Vor diesem Hintergrund muss man die oft beklemmende Debatte über das brisante Thema der so genannten Ausländerpolitik sehen. Es handelt sich freilich heute um ein Weltproblem. Die Grenzen sind zwar offen, aber von dem wachsenden Strom von Migranten aus Afrika sind in erster Linie heute Spanien, Italien und Frankreich betroffen. Man muss natürlich einen Unterschied zwischen Flüchtlingen und (oft illegalen) Zuwanderern machen. Unerträglich ist aber die Vermischung der auch für die Zukunft des Landes so wichtigen Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften mit der Ausländerkriminalität. Für die populistischen Hetzer gilt die Feststellung Nietzsches: "Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt"

Die politische Verkommenheit im Umgang mit Asylwerbern wirkt dann besonders atemberaubend, wenn man erfährt, wie gerade jene Politiker, die mit dem Appell an die Angst vor den Fremden Wählerstimmen gewinnen wollen, zugleich mit hemmungsloser Habgier die österreichische Staatsbürgerschaft an russische oder andere Geschäftsleute verkaufen, die außer der Jagd nach Geld überhaupt nichts mit Österreich zu tun hatten oder haben. Die zahlungsbereiten Fremden sind also die "guten" Ausländer für jene, die die ausländerfeindliche Stimmung bedenkenlos anheizen. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2010)

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