Ein Platz für Einbahnen, Erdbeeren und Erinnerung

27. Jänner 2010, 19:49
posten

Studierende der Soziologie und Architektur befragten Anrainer und Passanten der Grazer Annenstraße

Und entwickelten utopische, aber auch durchaus handfeste Projekte zur Revitalisierung der einstigen Flaniermeile.

***

Graz - Fast alle in der Annenstraße befragten Menschen wollten eines: Mehr Grün. Das wissen jene Studierenden, die sich auf den Weg gemacht haben, um Anrainer, Wirtschaftstreibende und Passanten in der einstigen Flaniermeile von Graz zu befragen. Und sie reagierten darauf auf höchst unterschiedliche Weise. Eine Gruppe trieb es ironisch auf die Spitze und ließ die Straße, die ab den 80er Jahren durch den durchgeleiteten Individualverkehr, ihren guten Ruf verlor, regelrecht zuwachsen. Ein Dschungel in der Stadt - warum eigentlich nicht?

Immerhin seien die Studenten der Grazer Karl-Franzens-Uni und der TU Graz, die am Projekt "Annenstraße. Urbane Transformation und sozialer Wandel" teilnahmen, bewusst angehalten worden, ihren Ideen freien Lauf zu lassen, erklärt Ulrich Tragatschnig vom Institut für Stadt- und Baugeschichte der TU im Standard-Gespräch: "Wir haben ihnen gesagt, dass sie durchaus utopische Projekte entwerfen können. Wichtig war nur, dass sie den Leuten direkt zuhören und dann auf ihre Wünsche reagieren".

Die Projekte der Studierenden sind noch heute, Donnerstag, in einem leeren Geschäftslokal in der Annenstraße 46 zu sehen: Jenes mit dem poetischen Titel "Erdbeeren für alle" nahm sich dabei besonders die Mitwirkung der Bevölkerung zu Herzen. In einer fiktiven Radiosendung, die im Jahr 2020 die Entwicklung der herunter gekommen Straße erzählt, wird ein "Dorf in der Stadt" beschrieben. Denn fast alle Befragten hätten sich sehr mit "ihrer" Straße identifiziert, also ließ man sie auch selbst in so genannter "Gemeinwesenarbeit die Lebensqualität des Viertels steigern". Eine Sozialarbeiterin und ein Stadtplaner spielen in dieser Vision nur eine Nebenrolle als Begleiter.

Neben Dschungel-Entwürfen gibt es auch Projekte, die durchaus leicht und schnell realisierbar wären: Etwa die Überdachung der Straßenbahnstationen, die Verbreiterung der Gehsteige, die man mit Bänken bestücken könnte und eine Einbahn, die ab der Mitte der Annenstraße, die aus der Innenstadt zum Hauptbahnhof führt, ihre Richtung wechselt und eine Verkehrsberuhigung bewirkt. Finanziert wird das Projekt von Land Steiermark, der Stadt Graz und der Wirtschaftskammer.

Internationale Meile 

Eine Studie über die Annenstraße, die ebenso im Zuge des Projekts erstellt wurde, das neben Tragatschnig auch Monika Stromberger von der Zeitgeschichte der Uni Graz betreut, liefert nun auch solide Daten. Alles in allem überrascht die Studie mit dem Ergebnis, dass die Straße - obwohl sie nicht mehr von schicken Boutiquen oder Eissalons belebt wird wie in den 60ern - besser ist als ihr Ruf. Dass sie stirbt, konnte nicht festgestellt werden. Statt dessen werden heute Köstlichkeiten aus China, Indien, Kroatien oder der Türkei angeboten. 14 Prozent der Bevölkerung im Annenviertel, also in jenen Sprengeln, die die Annenstraße im Bezirk Lend begrenzen, haben keine österreichische Staatsbürgerschaft. Als "ausländische" Wirtschaftstreibende werden aber auch jene mit Doppelstaatsbürgerschaften wahrgenommen, so Stromberger. Sie machen 29 Prozent der Bevölkerung aus.

Die Idee einer "internationalen Straße", einem Einkaufviertel, wo es Waren aus aller Welt gibt, wurde als logische Folge aus dieser Gegebenheit geboren. Die Studie ergab nämlich auch, dass nur die wenigsten Anrainer ein Einkaufszentrum in der Gegend wollen, wie es von Teilen der Stadtregierung forciert wurde, während ein Teil der Geschäftsleute sich durch ein solches eine Belebung der Straße vorstellen können. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Jänner 2010)

Share if you care.