An Österreich kein Vorbeispazieren mehr

27. Jänner 2010, 15:20
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Das Positive nach dem Schiedsrichter-G'frett gegen Kroatien: Die Weltklasse muss das Nationalteam jetzt wirklich ernstnehmen

Wien - Verschaukelt war Dienstagabend die vorherrschende Gefühlslage bei Österreichs Handballern. Dafür verantwortlich waren  Rickard Canbro und Mikael Claesson, ihres Zeichens Schiedsrichter.  Die Pfiffe der Schweden beim 23:26 gegen die Weltstars aus Kroatien haben ärgerten Spieler wie Fans in der Wiener Stadthalle. Selbst dem sonst zumeist gelassenen Teamchef Dagur Sigurdsson brannten kurzfristig die Sicherungen durch.

"Dagur ist ein ruhiger Mensch. Der kriegt nicht einfach so eine Rote Karte wegen Nichts", weiß Kreisspieler Patrick Fölser, dass es normalerweise schwierig ist, den Isländer Sigurdsson auf die Palme zu bringen. Sigurdsson, der wegen seiner fulminant vorgebrachten Kritik für insgesamt vier Minuten Unterzahl seiner Mannschaft sorgte und in der 57. Minute von der Trainerbank verbannt wurde, sprach unmittelbar nach der Schlusssirene davon, dass sein Team "verarscht" worden sei. "Ich habe über 2.000 Spiele miterlebt, daher weiß ich das."

Verlassene Palme und Strafe

Etwas später meinte Sigurdsson schon ein wenig abgekühlter: "Wir waren zu laut, zu emotional. Das muss ich auf meine Kappe nehmen." Der 36-Jährige, der als Klub-Trainer in der deutschen Bundesliga bei den Füchsen Berlin arbeitet, gab aber auch zu bedenken, "dass ich noch nie zuvor in meiner Karriere als Trainer eine Rote Karte bekommen habe". Sigurdsson stellte klar, dass sich sein Ärger gar nicht so sehr gegen die schwedischen Referees, sondern vor allem gegen den slowenischen EHF-Supervisor Leopold Kalin gerichtet habe. Dieser habe jede Kleinigkeit auf der österreichischen Bank beanstandet, die Bank der Kroaten habe er hingegen schalten und walten lassen.

Der europäische Handballverband EHF sprach am Mittwoch gegen Sigurdsson eine bedingte Sperre über ein halbes Jahr für alle EHF-Bewerbe aus, zudem wurde eine Geldstrafe von 2.000 Euro verhängt. Martin Hausleitner, der Generalsekretär des österreichischen Handballbunds ÖHB, stellte klar, dass die Geldstrafe vom ÖHB gezahlt wird. "Dagur wird dafür ein wenig in die Mannschaftskasse einzahlen", meinte Hausleitner.

Kapitän Viktor Szilagyi hat so wie Sigurdsson ebenfalls meist seine Emotionen fest im Griff, am Dienstagabend wurde es aber auch dem Regisseur zu bunt. Immer wieder intervenierte der 31-Jährige bei den Unparteiischen, mit wenig Erfolg.

"Wir sind 60 Minuten durchgehend provoziert worden. Sie haben eine Fehlentscheidung nach der anderen gepfiffen und haben uns dabei ins Gesicht gelacht", ärgerte sich Szilagyi, der den nicht als Tor gegebenen Siebenmeterwurf von Konrad Wilczynski in den Anfangsminuten und den abgepfiffenen Gegenstoß von Bernd Friede in der alles entscheidenden, heißen Schlussphase als eklatanteste Fehlentscheidungen ansah.

"Da war mir dann endgültig bewusst, dass wir nicht gewinnen können. Als Sportler ist es das Schlimmste, wenn man sich benachteiligt fühlt, und das war in diesem Spiel des öfteren der Fall", so Szilagyi, der die Pfiffe als Kniefall vor den kroatischen Stars mit Trainer Lino Cervar oder Regisseur Ivano Balic und Kreisspieler Igor Vori sah. "Man muss aber auch sagen, dass sich die Kroaten diesen Respekt durch die Schiedsrichter jahrelang hart erarbeitet haben."

Bernd Friede hatte angesichts der Schiedsrichter "das Gefühl, dass wir immer bergauf spielen". "Irgendwie wussten wir: Egal was wir tun, am Schluss sollen eh die anderen gewinnen. Aber nicht wegen ihrer Stärke, sondern aufgrund der zwei netten Herren." Wilczynski ("Jeder 50:50-Entscheidung ist gegen uns gepfiffen worden") forderte, dass es für die Unparteiischen "Konsequenzen" geben müsse, etwa die Nicht-Nominierung für kommende Großereignisse. "Wir hatten Kroatien am Rand einer Niederlagen, nur die Schiedsrichter hatten etwas dagegen", so Wilczynski.

Das Gute am Schlechten

Mit etwas Abstand sollte den Österreichern vom Duell gegen die Kroaten aber viel Positives in Erinnerung bleiben. "Das war das beste Spiel in der Geschichte Österreichs. Es war unglaublich, dass wir diese Leistung im fünften Spiel bei dieser EM gebracht haben", merkte Sigurdsson angesichts des bereits sehr hohen Substanzverlusts an. "Wir haben den Leuten gezeigt, dass es auch für Kroatien nicht einfach gegen uns ist. Sie mussten ans Limit gehen, um gegen uns zu gewinnen. Wir haben so hart wie möglich gespielt und die Kroaten damit eingeschüchtert", merkte Fölser an.

"Viele haben damit gerechnet, dass wir gegen Kroatien in ein Debakel laufen", glaubte Wilczynski, der am Donnerstag gegen Russland sein voraussichtlich letztes Saisonspiel bestreiten wird, da er sich bereits am Freitag in Wien einer Operation an der rechten Wurfhand unterziehen muss. Das Gegenteil war der Fall, gegen Österreichs Herren können auch die Besten der Welt derzeit nicht mehr im Vorbeigehen gewinnen. "Das ist ist die wichtigste Neuigkeit dieser EM", findet auch Wilczynski. (APA/rob)

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    Markus Wagesreiter bremst Kroatiens Star Ivano Balic.

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