Heillose Selbstüberschätzung der Ärzte

26. Jänner 2010, 13:20
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Zu einem hohen Anteil sind Fehler abhängig von Abläufen - Schweizer Experte Conen: Am häufigsten Fehler in Medikation

Wien - Patientensicherheit im Spital - das sollte im Anlassfall nicht die Suche nach einem "Sündenbock" sein, sondern ist vor allem eine Sache der Sicherheit von Abläufen. "Die Medizin des 21. Jahrhunderts ist zu komplex, als dass sie von einem Einzelnen erbracht werden kann. Es ist nie 'der eine Schritt', der es ist, damit etwas passiert", sagte der Präsident der "Stiftung Patientensicherheit" in Zürich, Dieter Conen, bei einer Podiumsdiskussion des Renner-Instituts in Wien.

Die Epidemiologie von Fehlleistungen in Krankenhäusern ist hinlänglich erforscht. Die Häufigkeit von erheblichen Fehlleistungen liegt je nach wissenschaftlicher Untersuchung zwischen vier und 16 Prozent. Kategorien wie "Schuld" und "Sühne" sind fehl am Platz. Conen: "Die Menschen machen nicht absichtlich Fehler." In der Hektik auftretender "Tunnelblick", Störungen, Arbeitsunterbrechungen, mangelhafte Teamarbeit und Kommunikation seien jene Bedingungen, die oft erst eine "Prozesskette" in Gang setzten, welche in potenzielle Katastrophen führen könne.

Ärzte glauben besonders gut zu funktionieren

Hinzu kommt - zumindest in der Medizin - oft eine heillose Selbstüberschätzung der Ärzte. Untersuchungen haben ergeben, dass nur 40 Prozent der Piloten glauben, übermüdet ihren Job gut absolvieren zu können, bei den Ärzten waren es 60 Prozent. Und im Notfall glauben 80 Prozent der Ärzte, besonders gut zu "funktionieren", hingegen nur 60 Prozent der Piloten. Althergebrachte Diensteinteilungen mit 24-Stunden-Schichten etc. sind da sprichwörtliches Gift für die Sicherheit von Patienten im Spital. Der Schweizer Experte zitierte eine Untersuchung aus den USA, wonach die Umstellung vom Drei-Schicht-Betrieb in einem Spital auf vier Schichten mit jeweils kürzeren Dienstzeiten die Häufigkeit von Fehlern von 140 pro hundert Patiententage auf 80 bis 100 je hundert Krankenhaustage und Patient senkte.

Abhilfe - so Conen - kann nur ein in jedem Krankenhaus und auf jeder Abteilung wirksames System des Qualitätsmanagements bringen: das Melden und Analysieren von Fehlern und Beinahe-Fehlern, die Kommunikation von Risiken, umfassende Kommunikation im Team, Checklisten etc. Wobei ein Sektor im Spitalsalltag offenbar am häufigsten fehlerbehaftet ist, so der Experte: "Die häufigsten ersten acht Fehler entfallen auf die Medikation." Zwischen Verordnung von Medikamenten und der letztendlich ordnungsgemäßen Einnahme gibt es jede Menge Eckpunkte, an denen der Patient zu Schaden kommen kann. (APA)

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    80 Prozent der Ärzte glauben im Notfall besonders gut zu "funktionieren"

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