Riesling am Loch Ness

26. Jänner 2010, 10:28
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Die britischen Winzer freuen sich über die Erderwärmung

Mike Roberts hat sich einen Schnupfen geholt. Der Jänner ist kalt gewesen, tagelang war Roberts' Weingut Ridgeview südlich von London, zehn Kilometer landeinwärts von der Küste, eingeschneit. Die Laune des Winzers kann das nicht beeinträchtigen, schließlich fühlt sich Roberts "vom Klima begünstigt": Die Ernte 2009 war prächtig.

In den fünf Jahren zuvor produzierten englische Winzer um die zwei Millionen Flaschen pro Jahr, 2009 dürften es mehr als drei Millionen sein, eine Zuwachsrate um 50 Prozent. Roberts weiß auch, was dafür verantwortlich ist: der Klimawandel.

Seine Branche gehört zu den Gewinnern der Erderwärmung. Der frühere Buchprüfer hat es am eigenen Weinberg erlebt, wo er seit 1996 Wein für Sekt produziert. Seit damals sind die Temperaturen stetig gestiegen. Im Sommer gibt es mehr heiße Tage über 29 Grad, was die Schädlingsbekämpfung erleichtert. "Früher haben wir Ende Oktober, Anfang November geerntet. Jetzt ist es immer in der ersten Oktoberwoche, manchmal sogar schon im September."

"Unsere Branche profitiert vom Klimawandel", hat auch Chris Foss beobachtet, der am Plumpton College beim südenglischen Brighton Weinbau lehrt. Der Boom macht sich an seiner Studentenzahl bemerkbar. Zwölf Vollzeit-Studenten begrüßte Foss vor 13 Jahren, mittlerweile beschäftigen sich 120 mit Anbautechnik und Absatzchancen der begehrten Reben. Die meisten haben Erfahrung in anderen Berufen, waren Lehrer und Rechtsanwälte.

Manchmal würde sich Foss mehr Leute mit naturwissenschaftlichem Hintergrund wünschen, den vielen Geisteswissenschaftern fällt das Pauken chemischer Formeln und geologischer Zusammenhänge oft schwer. Doch Naturwissenschafter bleiben unter den Studierenden bisher ebenso Ausnahme wie frischgebackene Schulabgänger. "Weil die Branche jung ist, fehlen uns bisher die Kinder von etablierten Winzern. Aber das ändert sich bald."

Die Produktion englischer Weinbauern bleibt winzig im Vergleich zu etablierten Anbau-Nationen wie Italien, Spanien und Frankreich. Gerade einmal 448 Betriebe zählt der Berufsverband. Immerhin hat sich die Anbaufläche binnen fünf Jahren um mehr als die Hälfte vergrößert. Und was da gekeltert wird aus klassischen Trauben wie Chardonnay, Pinot Meunier und Pinot Noir, muss sich auf internationaler Bühne nicht verstecken. Immerhin 24 Auszeichnungen holten englische Weine im Vorjahr beim International Wine Challenge, einer großen Blindverkostung.

90 Prozent der kommerziell geführten Weinbetriebe Englands befinden sich südlich und östlich der Metropole London in den Grafschaften Essex, Kent und Sussex. Aber auch hoch im Norden siedeln sich neuerdings Winzer an.

Kälteresistente Rebstöcke

Stuart Smiths Weingut Ryedale im nordenglischen Yorkshire liegt beinahe so nördlich wie Rostock an der deutschen Ostseeküste. "Gut, sehr gut sogar" sei die Lese im Herbst gewesen, freut sich der Winzer, der vor vier Jahren kälteresistente Rebstöcke aus Deutschland importiert hat. Er rechnet mit "mindestens 2500 Flaschen"; im Vorjahr waren es erst 400.

Smith sei ein Pionier zukünftiger Entwicklung, glaubt der Geologe und Weinkenner Richard Selley. Der frühere Professor am renommierten Londoner Imperial College hat auf der Insel detaillierte Boden- und Wetterforschungen betrieben. Seine Schlussfolgerung: Wenn der Klimawandel so weitergeht, wird in wenigen Jahrzehnten Schottland nicht nur Whisky, sondern auch Wein produzieren. "So um 2080 könnten wir am Loch Ness Riesling ernten", prognostiziert der Professor, "immer vorausgesetzt, es gibt dann noch Weintrinker." (Sebastian Borger aus London, DER STANDRD, Printausgabe, 26.01.2010)

  • Nicht mehr zum Naserümpfen: Sekt aus englischem Wein.
    foto: ridgeview

    Nicht mehr zum Naserümpfen: Sekt aus englischem Wein.

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