Wiederkehr der Gebärpolitik?

25. Jänner 2010, 18:31
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Wer bereitet wo welche Kriege vor?

Untrügliches Zeichen gesellschaftlichen Umbruchs, akuter Krisen- und Kriegszeiten ist die Wiederkehr ausdrücklich geburtenfördernder, pronatalistischer Politik; in extremis kruder Gebärprämien. Sie zielen auf nationale Glorie, geopolitische Macht, kriegerische Strategievorteile - oder schlicht die Produktion von "Menschenmaterial" (Nazi-Jargon) für militärische oder wirtschaftliche Zwecke.

Gebärpolitik war freilich nicht nur unter Hitler oder Ceaucescu populär: tatsächlich haben von Stalin bis zu Putins jüngster Initiative eines "Mutterschaftskapitals" autoritäre Führer auf Geburtenanreize (kombiniert mit Abtreibungsverboten, Scheidungsbehinderung usw.) gesetzt.

Auch wer die Konquistadoren-Parole "Gobernar es poblar" (Regieren heißt bevölkern) und Gebärpolitik verabscheut kann nicht verkennen, dass die Bevölkerungsentwicklung eine Art "Moralstatistik" (Jean-Claude Chesnais) darstellt. Sie zeigt das Ausmaß gesellschaftlichen Zusammenhalts oder Zerfalls, eine "Biologie der Nationen", die auch wirtschaftliche Wachstums- und Rezessionspotenziale, die Ausbreitung oder den Niedergang von Ländern, Zivilisationen und Religionen entscheidend mitbestimmt. Demographie zu beeinflussen ist ein ebenso alter wie hoffnungsloser Traum Herrschender wie ein Albtraum unterworfener Völker geblieben.

Politik muss sich vorab mit tagtäglichen Herausforderungen, kurzfristigem Druck und akuten Krisen befassen. Dagegen entziehen sich ihre demographischen Determinanten aufgrund schwieriger Sichtbarkeit, Langsamkeit und nur geringfügiger, umweghafter Beeinflussbarkeit dem direkten, erfolgskontrollierten politischen Zugriff. Auch in der politischen Demographie werden tektonische Verschiebungen nur in Expertenzirkeln diskutiert und (wie Äquivalente zu Stürmen, Erdbeben und Tsunamis) meist erst zu spät gesehen.

Bloß zahlenstarke Bevölkerung begründet ganz offenkundig noch keine politische, militärische oder wirtschaftliche Macht - man denke etwa an Nigeria, Kongo, Äthiopien, Bangladesh, Vietnam oder die Philippinen. Doch Großmachtpolitik war schon immer ohne eine bestimmte Bevölkerungspräsenz undenkbar, man denke nur an die Kräfteverschiebung Deutschlands gegenüber Frankreich seit dem 18. Jhdt., den Aufstieg Großbritanniens im 19. Jhdt., Japans und der USA im 20. Jhdt., den Auf- und Abstieg Russlands oder die absehbare demographische Marginalisierung Europas und das Aufstreben von Mächten wie China, Indien, Pakistan, Indonesien, Brasilien und Mexiko.

Obschon von Raymond Aaron bestritten sind die Thesen von Gaston Bouthol und René Carrère bis Gunnar Heinsohn* über den Geburtenüberschuss junger Männer als entscheidender Kriegs- und Bürgerkriegsursache bis heute wirksam und intuitiv wie auch empirisch gut erhärtet.  Von der "Lebensraum"-Politik junger Nazis über den japanischen Imperialismus 1870 - 1939 von Korea bis in die Mandschurei bis zu 67 der 71 heutigen Hot Spots von Gaza oder Libanon bis Irak, Iran, Pakistan, Afghanistan, Sudan, Somalia, Nigeria, Kongo, Uganda, Mozambique, Angola, Ruanda, Burundi, Indonesien, Philippinen, Sri Lanka, Tschetschenien und Jemen erklären sich aus demographischen "Jugendbeulen". (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2010)

* Zuletzt im STANDARD 4.1.2010 und Marin, Junge Killer, 21.5.2007

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