Komplett high und trotzdem nüchtern

24. Jänner 2010, 16:48
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Reinhard fühlt sich ungerecht behandelt und mit schwachsinnigen Vorwürfen von Nicht-Radlern konfrontiert

Reinhard hat die Nase ziemlich voll, und das liegt nicht an der Kälte draußen, welche die Schleimhäute auf Hochtouren laufen lässt. "Die unsägliche Dummheit meiner nicht radelnden Mitmenschen kostet mich jeden Tag einen Tobsuchtsanfall", schlägt er auf den Wirtshaustisch, dass die Biergläser klingeln wie die Registrierkasse des Wirten. So eine Art Aufwärm-Runde zu so einem Tobsuchtsanfall hat Reinhard also gerade.

"Meine Nachbarin hat mich gestern darüber aufgeklärt, dass ich ja ein Trottel bin, weil ich so viel Rad fahre." Und Reinhards Nachbarin hat das folgendermaßen argumentiert: Wenn jemand viel Sport treibt und große Muskeln hat, dann wird von den belasteten Mukis so viel Sauerstoff verbraucht, dass zu wenig davon zum Gehirn gelangt. Mit welchen Worten Reinhard seine Nachbarin bedacht hat, soll hier nicht wiedergegeben werden. Erst recht nicht, was er der jungen Frau am Nachbartisch sagte, die ihn auslachte, weil er sich so aufregte.

Führerscheinverlustgefahr
"Obwohl, meine Nachbarin ist ja eh noch harmlos", meint der Reinhard dann. "Was mir mehr auf den Nerv geht, ist, dass ich jetzt nach einem Bier auf einmal Wasser saufen soll, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, weil wenn mich ein Kieberer antrankelt aufhaltet, er mir meinen Führerschein zupfen kann."

Schneller als der Kellner drei Bier und ein Mineral bringen kann, entbrennt am Tisch eine Diskussion darüber, wer jetzt was darf: Der Reinhard mit zwei oder drei Bier mit dem Fahrrad nach Hause fahren, der Herr Inspektor ihm den Führerschein wegnehmen und der Wirt Geld fürs Leitungswasser verlangen.

Reinhard in Bissweite
Das Problem, dass Reinhard nach drei Bier eine Gefahr für den Straßenverkehr sein soll, will er nicht gelten lassen. "Vom Wirten nach Hause brauche ich mit dem Rad gerade einmal zehn Minuten. Ich fahr da vorne auf den Radweg, und der geht bis zu meiner Haustür. Dazwischen ist eine Kreuzung, auf der ich mit dem Fahrrad Vorrang habe. Ich hab realistisch gesehen fast gar keine Chance, jemanden zu gefährden." Auf dem Radweg sei spätabends kaum jemand unterwegs, meint er. "Maximal, dass einer noch seinen Köter am Radlweg ausleert, und die Töle kläfft dann eh schon, bevor ich überhaupt in Bissweite bin."

Wenn ihn aber an der Kreuzung ein Auto niederführt und danach rauskommt, dass er, der Reinhard, getrunken hat, dann kriegt er eine Teilschuld und kein Schmerzensgeld, argumentiert da einer über den Bierschaum hinweg. "Geh", meint der Reinhard, "die paar Mal, wo da ein Auto kommt."

Es geht ums Prinzip
Ob er denn schon einmal von einem Polizisten angehalten worden sei, frage ich ihn. "Am Weg von der Arbeit nach Hause hab ich die eine oder andere rote Ampel am Konto." Und zweimal hat er sogar schon zahlen müssen. Aber am Weg vom Wirten heim, nein, da nicht. Obwohl, darum ginge es ihm nicht. Es geht ihm ums Prinzip. "Wenn ich nach 40 Minuten am Radl ins Runner‘s High kipp und eine Stunde später nicht weiß, wo ich überall war und wie ich nach Hause gekommen bin, dann ist das in Ordnung, und wenn ich nach einem langen Abend und drei Krügerln heimfahren will, dann darf ich das nicht."

Obwohl, da schließt sich vielleicht auch der Kreis zur Nachbarin. Wenn der Reinhard pump zu mit Endorphinen auf dem Radl im Stiegenhaus einreitet, kann ich mir schon vorstellen, dass sich jemand um seine gleichmäßige Sauerstoffversorgung sorgt. (Guido Gluschitsch)

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    Fahren oder stehen lassen?

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