Die Straße rockt auf dem Laufsteg

23. Jänner 2010, 16:34
3 Postings

Mögen andere Modemetropolen über die Krise des Luxus lamentieren – Berlin ist die Mode eine Riesenparty wert

Dort, wo normalerweise die Kunstwerke stehen, ist ein riesiger Laufsteg aufgebaut. Links und rechts türmen sich abstrakte Wolkenkratzer in die Höhe. Wie riesige Glühbirnen beleuchten sie das Museum Hamburger Bahnhof in Berlin.

Für eine Nacht darf sich die deutsche Hauptstadt im Glanz der internationalen Modewelt sonnen. Hugo Boss hat im Rahmen der Berliner Modewoche zum Defilee geladen, und tout Berlin ist gekommen. Sogar die Laufsteg-Mode hat Hauptstadt-Niveau: Die Herren stecken in Anzügen mit 80er-Jahre-Schulterpolstern, die Damen in detailverliebten Business-Kleidern und -Kostümen zu Overkneestiefeln.

Rock in der Fabrik

Im Unterschied zu den Modemetropolen sind die Laufstegschauen in Berlin meist Auftakt für riesige Partys. Am Abend zuvor hat der italienische Jeansgigant Diesel für 5000 Besucher eine leer stehende Fabrikhalle gerockt. Die Party-Metropole Berlin macht auch in der Mode das, was sie am besten kann. Statt auf High Heels setzt sie auf Low-Cut-Jeans - und lockt damit abertausende Besucher in die Stadt. Allein auf 80.000 wird die Zahl der Modemenschen geschätzt, die eigens zur Bread & Butter anreisen. Zum zweiten Mal findet die weltgrößte Streetwear-Messe auf dem (winterfest gemachten) Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof statt. Nach dem riesigen Erfolg im Sommer ist jetzt auch die Jeansmesse Jam an die Spree gezogen. An Berlin kommt im Sportwear-Segment niemand vorbei. Auch wenn auf der Messe selbst kaum geordert wird.

Sie dient zur Orientierung und bewahrt die Händler davor, in der kommenden Herbst- und Wintersaison auf falsche Zugpferde zu setzen. Im Jeansbereich bleibt von Mustang bis Meltin' Pot Slim der wichtigste Fit. Sprich: Auch kommenden Winter werden die Youngsters auf Krähenbeinen durch den Schnee stapfen. Bei Levi's setzt man gar auf Jeans-Leggins, die sogenannten Jeggins. Ähnlich wie in diesem Winter werden dazu Tuniken, Oversize-Shirts, Leder- und Denimjacken kombiniert.

Alle da, keiner fehlt

Die allgemeine Unsicherheit schlägt sich in einem Revival der Klassiker nieder. Nostalgiker wie Lena Hoschek haben es in diesem Klima besonders gut. Die Grazer Designerin zeigt ihre kecken Wippröcke und am „English Chap" orientierten Hosenanzüge im Modezelt der IMG am Bebelplatz. Hier finden die meisten Defilees während der vier Tage dauernden Fashion Week statt. Von skurrilen Jungdesignern wie Patrick Mohr bis zu Konzernen wie Strenesse oder Rena Lange ist hier durch die Bank die gesamte deutschen Modebranche vertreten. Stimmung will in dem überheizten Zelt aber keine aufkommen. Profil hat die Modestadt Berlin an diesem Ort nicht.

Wer sich von den Mitbewerbern unterscheiden will, sucht sich deswegen wie Joop! eine Off-Location. Die zur Holy-Group gehörende Marke hat den Vertrag mit Chef-Designer Dirk Schönberger im Dezember aufgekündigt, dementsprechend durchwachsen kommt die vorgestellte Kollektion in der Nationalgalerie daher. Auch der Berliner Lokalmatador, der Designer Michael Michalsky, macht um das IMG-Zelt einen Bogen. Er bespielt gemeinsam mit Lala Berlin und Kaviar Gauche für einen ganzen Abend den Friedrichstadtpalast - inklusive zweier Konzertgigs. Die Mode wird zum Spektakel. Das liebt man in Berlin. Und dafür lieben viele die Mode. (Stephan Hilpold aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24. Jänner 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.