"Auch Migranten haben FPÖ gewählt"

22. Jänner 2010, 19:21
138 Postings

Herbert Sommer erzählt von Mietern und Reibereien mit "Ausländern" im Simmeringer Gemeindebau

Standard: Wir treffen uns in Ihrer Hausbesorgerdienstwohnung im Gemeindebau Muhrhoferweg in Wien-Simmering. Halten Sie sich für ein Wiener Original?

Sommer: Ja, irgendwie schon. Der Hausmeister ist auch ein sehr altes Berufsbild. Schon zu Kaisers Zeiten gab es uns, da waren wir von den Hausbesitzern eingesetzt, um die Sperrzeiten, die es damals auch untertags gab, einzuhalten. Da hat der Hausbesorger das versperrte Haustor bewacht, die Mieter zahlten ihm "Sperrachterln", und er erzählte zum Dank dem Hausbesitzer brühwarm, wer ein und aus ging.

Standard: Warum sind Sie Hausmeister?

Sommer: Weil mir der Beruf gefällt. Ich hatte das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können.

Standard: Sie putzen gern?

Sommer: Na ja, das macht mir nichts. Aber mein Hobby ist, mich mit Leuten zu unterhalten. Es freut mich auch, wenn die Leute mit ihren Problemen zu mir kommen. Vielleicht kann man ja mit einem Ratschlag helfen, man hat ja schon auch ein wenig Lebenserfahrung. Ich habe sehr liebe Mieter, da nimmt man großen Anteil, etwa wenn jemand stirbt oder ein Kind zur Welt kommt. Und ich bekomme viel zurück - etwa Bäckereien oder Wein als Anerkennung.

Standard: Welches war das bis dato absurdeste Anliegen eines Mieters?

Sommer: Eine Migrantenfamilie, die neu eingezogen ist und von mir die Waschkücheneinteilung bekommen hat, stand eines Tages mit einem Wäschekorb vor meiner Tür und sagte: "Heute sind ja wir dran. Sie müssen noch Waschmittel kaufen. Wie lange brauchen Sie für Waschen und Bügeln?" Die haben das ernst gemeint. Es hat gedauert, bis ich ihnen klarmachen konnte, dass sie von mir nur den Schlüssel bekommen.

Standard: Wie sind Sie für Ihre 99 Mietparteien erreichbar? Darf man bei Ihnen auch um 3 Uhr früh anrufen?

Sommer: Die läuten eher an, statt anzurufen. Aber früher bin ich öfter gebraucht worden - da habe ich ja die Waschküchenschlüssel ausgegeben. Dann hat Wiener Wohnen das "Natürlich-sicher-System" eingeführt, mit den elektronischen Chips. Und die Terminvergabe macht ein Callcenter. Ob das sehr persönlich ist, weiß ich auch nicht.

Standard: Was erwarten die Leute von Ihnen?

Sommer: Ich muss schon irgendwie der Mann für alles sein. Man erwartet von mir handwerkliche Fähigkeiten, ich muss ja auch ab und zu etwas reparieren im Haus. Aber ich bin genauso Seelentröster und Person zum Plaudern. Ich sag immer, der "Hausmasta" muss sich den "Masta" erst verdienen. Und die, die sich am meisten über unsere Gratisdienstwohnungen aufregen, kommen als Erste gerannt, wenn sie ein Problem haben.

Standard: Finden Sie, die Gratis-dienstwohnung steht Ihnen zu?

Sommer: Na selbstverständlich. Darauf würde ich auch bestehen, wenn ein neues Gesetz kommt. Und was heißt, bitte, gratis? Ich muss an das Finanzamt Sachbezugsabgabe zahlen, die wurde vor ein paar Jahren um 100 Prozent erhöht. Das geht zwar stufenweise über ein paar Jahre, aber für Leute, die oft nur 600 Euro im Monat verdienen, ist das trotzdem ganz schön viel, wenn aus 160 Euro 320 werden. Und dafür bekommt man natürlich auch keine Wohnbeihilfe.

Standard: Wie viele Österreicher mit Migrationshintergrund wohnen hier?

Sommer: In der Anlage etwa ein Drittel der Bewohner, auf meinen Stiegen sind es ungefähr 20 von 99. Es gibt halt ein strukturelles Problem im Gemeindebau.

Standard: Was meinen Sie damit?

Sommer: Es gibt einerseits die alteingesessenen Österreicher, Pensionisten, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen und frustriert sind, weil sie es nicht aus dem Gemeindebau geschafft haben. Die haben ein neues Hobby namens "Mitbestimmungsstatut" entdeckt, mit dem sie gegen Gott und die Welt schießen können. Die zweite Gruppe sind die Migranten, die man lange nicht wahrgenommen hat. Immer hat es geheißen: Es gibt keine Probleme. Wenn das so ist, frag ich mich nur, warum man dann die Waste Watcher, Night Watcher und Wohnpartner erfunden hat. Die dritte Gruppe sind auch Österreicher, die soziale Probleme haben. Die sind auch oft schwierig.

Standard: Worüber beschweren sich die Leute? Über Lärm? Den angeblich im Hinterhof geschlachteten Hammel?

Sommer: So ein Blödsinn. Ich glaube, ein einziges Mal ist ein Hammel in einer Waschküche geschlachtet worden, weil sich die Leute gedacht haben, da ist gleich das Wasser in der Nähe, das ist praktisch. Das ist halt ein anderer Kulturkreis. Viele stehen erst gegen Mittag auf und machen aber dann bis Mitternacht weiter mit der Großfamilie. Da muss man dann sagen: "Das geht nicht." Was die Leute auch aufregt, ist die Sprache. Die Kinder gehen in den Gratiskindergarten, in die Schule, sie können unsere Sprache. Sobald sie nach Hause kommen, sprechen sie mit den Eltern in ihrer Muttersprache. Das ärgert dann einige. Bei mir war unlängst eine Mieterin, die wohnt schon seit 20 Jahren hier, hat aber immer die Kinder um den Waschküchen-schlüssel geschickt. Jetzt steht die vor mir, und ich versteh kein Wort, und sie versteht kein Wort. Die Leute müssen sich schon auch integrieren wollen. Wenn sie gar nicht wollen, muss man ihnen auch sagen: Fahrts halt wieder heim.

Standard: Beschweren sich Neo-Österreicher auch über die alteingesessenen Pensionisten, etwa wenn die ihre Hunde überall hinmachen lassen?

Sommer: Nein, das ist schon eine Einbahngeschichte. Immer nur die Alteingesessenen über die "Ausländer". Und worüber sich manche beschweren, da glaub ich oft, das darf nicht wahr sein. Ich habe einen sehr lieben Mieter aus Indien hier. Wenn der etwas Traditionelles kocht, gibt's Beschwerden, dass es im Gang "stinkt". Als ob man das Schnitzerl nicht riechen würde. Alles, was die Ausländer tun, wird sofort beredet, sogar wenn sie ihre Teppiche zum Klopfen raushängen. Da heißt es dann: "Jetzt hängen die schon überall ihre Gebetsteppiche auf." Umgekehrt gibt es auch Leute, die jahrelang nichts mit dem Migranten nebenan reden, und dann gibt es einmal einen Kontakt, und dann sagen sie: "Der ist ganz in Ordnung."

Standard: Die FPÖ hat in Ihrer Anlage bei der EU-Wahl über 35 Prozent erreicht, die SPÖ fast 20 Prozent verloren. Warum, glauben Sie?

Sommer: Nicht nur jene, die in der Anlage Stimmung machen, haben die FPÖ gewählt - sondern auch die Migranten selbst. Ich habe mit einem türkischen Bewohner geredet, der kommt aus einem anatolischen Bergdorf und hat gemeint: "Es dürfen nicht mehr Leute herein, das reicht jetzt." Daraufhin hab ich gesagt: "Und was ist, wenn in drei Jahren ein Freund von dir aus dem Nachbardorf gern nach Wien kommen möchte?" Antwortet er: "Der ist selber schuld, wenn er sich bis jetzt Zeit gelassen hat." Der Egoismus steigt halt bei allen.

Standard: Glauben Sie, werden die Wiener für die "Rückkehr" der Hausbesorger stimmen?

Sommer: Ich habe ein positives Gefühl bei meinen Mietern. (Petra Stuiber/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24. Jänner 2010)

Zur Person

Herbert Sommer (49), Wiener, verheiratet, drei Kinder, ist gelernter Gas-, Wasser- und Heizungsinstallateur und seit 13 Jahren Hausbesorger in der Gemeindebauanlage Muhrhoferweg in Wien-Simmering. In der Siedlung, die zwischen 1972 und 1974 erbaut wurde, gibt es 16 Stiegen und 499 Wohnungen. Sommer ist für vier Stiegen und 99 Mietparteien zuständig. Nebenbei ist er auch Betriebsrat für die Hausbesorger des 3., 4. und 11. Bezirks.

  • Herbert Sommer sieht sich als Handwerker und Seelentröster in einem: "Den Masta muss man sich erst verdienen."
    foto: der standard/robert newald

    Herbert Sommer sieht sich als Handwerker und Seelentröster in einem: "Den Masta muss man sich erst verdienen."

Share if you care.