Das 9/11 der Unterentwicklung

22. Jänner 2010, 18:37
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Für Haitis enorme Verletzbarkeit tragen auch jene Verantwortung, die jetzt helfen

Bei Hurrikans und anderen Katastrophen oder in Bandenkriegen zu sterben war seit langem das Schicksal tausender Haitianer. Von gleich drei Plagen - Armut, Analphabetismus und Aids - geschlagen, kam das von ehemaligen Sklaven geschaffene Haiti nicht von der Position des ärmsten Landes in seiner Region los.

Die Erdstöße der Stärke 7,0, die am 12. Jänner weite Teile Haitis zerstörten, haben das Elend der Haitianer für die ganze Welt unübersehbar gemacht. Ein Beben dieser Stärke hätte auch anderswo Opfer gefordert. Aber die zehntausenden Toten, darunter viele unter den Trümmern der Slumhütten, die an den Hängen der Hauptstadt klebten, das Chaos und die Hilflosigkeit danach - all das hängt eng mit Haitis Dauer-Misere zusammen.

Nach dieser Katastrophe, einem 9/11 der Unterentwicklung, das die Welt schockierte wie die Terroranschläge in New York und Washington 2001, müsste Haiti von Grund auf und nachhaltig neu aufgebaut werden.

Es ist nicht überraschend, dass sich die USA, von deren Küste Haiti nur wenig mehr als 1000 Kilometer entfernt liegt, an die Spitze der internationalen Helfer setzten und - wie zuletzt 1994 und 2004 - auch Soldaten entsandten. Angesichts der wenig aussichtsreichen Kriege, in die Präsident Barack Obama verwickelt ist, fragt man sich allerdings, wie lange die Supermacht bleiben wird, wenn die Rettungsmannschaften und Kamerateams einmal abgezogen sind. Die Geschichte des US-Engagements in Haiti ist bisher ein Wechselspiel von Dominanz und Gleichgültigkeit gewesen.

Von 1915 bis 1934 hielten die USA Haiti militärisch besetzt. Hoch aktiv wurden sie dann erst wieder nach dem Ende der Diktatur von "Papa Doc" und "Baby Doc" Duvalier (1957-1986), die Haiti mit ihrer mörderischen, die Voodoo-Ängste der Bevölkerung nutzenden Geheimpolizei "Tontons Macoutes" terrorisierten. Korruption und Raubbau an den Naturschätzen, vor allem die Abholzung der Wälder, um mit der Holzkohle zu kochen, haben sie noch verwundbarer gemacht. Und als es einmal eine Chance zu geben schien, verpuffte sie: Washington stützte die Präsidentschaft des Armenpriesters Jean-Bertrand Aristide und holte ihn, als gegen ihn geputscht wurde, 1994 mit militärischer Hilfe zurück. 2004 sollen die USA dann aber an der Absetzung Aristides beteiligt gewesen sein. Zumeist wird er selbst für seinen Sturz verantwortlich gemacht, weil im Land nur noch rivalisierende Banden wüteten.

Aristides verbleibende Freunde behaupten aber, dass ihn die USA weghaben wollten, weil er sich der Privatisierung von Staatsfirmen (Telefon, Strom) widersetzte. Tatsache ist, dass sein Nachfolger René Préval entgegenkommender war. Préval fügte sich auch der Forderung des Internationalen Währungsfonds (IWF), den Import von hochsubventioniertem Reis aus den USA zuzulassen, obwohl Haiti seinen Bedarf zuvor selbst gedeckt hatte.

Aufrütteln sollte ein Bericht über die Liberalisierungsfolgen: Die Reisbauern wurden "dezimiert" , viele zogen auf Arbeitssuche in die Hauptstadt, wo sie die Übervölkerung vergrößerten. Steigende Weltmarktpreise für Lebensmittel ließen Haiti noch tiefer in Armut sinken, was "zum Ausmaß der Zerstörung nach dem Beben beitrug" . So war es dieser Tage im Wall Street Journal zu lesen - nicht in einem antiamerikanischen Pamphlet. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2010)

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