Herzversagen

22. Jänner 2010, 16:29
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Er arbeitete von jeher als Knecht bei einem Bauern und ging jeden Tag zu Fuß die vier Kilometer vom Hof bis zur Ortsmitte und wieder zurück

Nur um alle Leute, die er auf der Straße antraf, zu grüßen, als wären sie seine besten Freunde.

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Der Friedl Hans war einer, dem das Sakko und die Schlotterhose am Leib hingen, als hätte er etwas zu verbergen. Aber er hatte nichts zu verbergen, denn er trug in der Mitte zwischen dem ausgewachsenen Wasserkopf und dem steifen Gehwerk mit den nach außen gedrehten Füßen nur ein Herz, das den Rhythmus der Scherenschritte und der Kopfwendungen angab, die das ständige Grüßen erforderte.

Obwohl der Friedl Hans der üblichen Zählung nach längst in den reifen Jahren sein musste, war er für alle ein Bursche, weil er so aussah wie ein Bursche und nicht richtig alt wurde, weil die schwarz gekräuselten Locken nicht grau wurden und keine Falten in seinem Gesicht auftauchten und keine Beschwerden im Körper, sieht man davon ab, dass er bei Schlechtwetter ein Bein nachzog, aber das hatte er immer schon getan.

Auf der anderen Seite war der Friedl auch nie richtig jung gewesen. Angeblich hat er nie eine Schule besucht, aber er konnte lesen, denn er studierte ausgiebig die Plakate an den Baumstämmen am Straßenrand, bewegte dabei die Lippen und war über alle Feuerwehrbälle und Sonnwendfeiern auf dem Laufenden. Schreiben habe ich ihn nie gesehen; er hatte nicht einmal ein Konto bei der Raiffeisenbank. Auch im Fußballverein, wo selbst die mit zwei linken Füßen Begabten eine Zeitlang mittaten, bis sie sich anderen Dingen zuwandten (Mädchen, Mopeds, Beruf ...), hat sich der Friedl nie blicken lassen.

Eltern hatte er keine und auch sonst keine Verwandten, obwohl er manch einen Bekannten als Vetter ausgab, und es gab nicht einmal Gerüchte, die ihn zum Findelkind oder zum außerehelichen Sohn irgendeines Ortskaisers oder Pfarrers gemacht hätten. Er arbeitete von jeher als Knecht bei einem Bauern in der Heideledt und ging jeden Tag zu Fuß die vier oder fünf Kilometer vom Hof bis zur Ortsmitte und wieder zurück, nur um alle Leute, die er auf der Straße antraf, mit einer Bestimmtheit zu grüßen, als wären sie seine besten Freunde. Er grüßte auch dann, wenn der Angetroffene nur zu Besuch im Ort war oder sich auf einer Autofahrt hierher verirrt hatte. Aber jeder fühlte sich von seinem Gruß betroffen und erkannt, ja, geschätzt und geehrt, sogar jene, die sich in den Wirtshäusern, an denen im Ort kein Mangel herrscht, über den Friedl lustig machten.

Ab und zu ein Achtel Weiß


Ab und zu trank der Friedl Hans im Tankstellenbuffet ein Achtel Weiß. Nie hat er etwas anderes als ein Achtel Weiß getrunken, auch nicht zwei oder drei Achtel, sondern immer nur eines, von dem er kleine Schlucke nahm, als müsste er den ganzen Tag bis zur Sperrstunde damit auskommen. Wenn Kartenspieler am Ecktisch saßen, ging er zu ihnen, stellte das Glas auf dem Nebentisch ab und schaute den Spielern mit endloser Geduld über die Schultern. Es ist unwahrscheinlich, dass er etwas vom Kartenspiel verstand, egal, ob tarockiert oder geschnapst oder gepokert wurde, weil er immer nur entgeistert dreinschaute, wenn andere Zuschauer die Stimme hoben, um einen besonders gelungenen oder fehlgeschlagenen Spielzug zu kommentieren.

Es verstand sich von selbst, dass der Friedl am Sonntag zur Kirche marschierte, auch dann noch, als der Bauer schon längst im Mercedes fuhr, wo der Friedl, schmal wie er war, auf dem Hintersitz zwischen dem Altbauern und der unverheirateten Tochter leicht Platz gehabt hätte. Es verstand sich von selbst, dass er bei den Feuerwehrbällen und Sonnwendfeiern vorbeischaute, um ein paar Worte mit denen zu wechseln, die er für seine Freunde und Bekannten hielt.

Die Rede vom heiteren Himmel

Zu solchen Anlässen legte er ein frisches weißes Hemd und eine Krawatte an. Die Hose, die um seine Schienbeine schlotterte, war aber immer dieselbe, eine sogenannte Hochwasserhose, wie die Jungen sie zu nennen begannen, als die Schlaghosen und bald darauf die Glockenhosen aufkamen. Spötter gibt es überall auf der Welt, und sie finden mit scharfem Instinkt ihre Beute.

Eines schönen Tages kam der Friedl Hans wie aus dem heiteren Himmel zu einem anderen Bauern in ein anderes Dorf. Niemand wusste warum, und vom Beisel brachte man nichts anderes heraus als die achselzuckende Rede vom "heiteren Himmel". Eigentlich gehört ein Hausknecht ja zum Haus, und es ist gar nicht vorstellbar, dass ein Bauer einen Knecht oder eine Magd einfach so weggibt. Es sei denn, der Friedl Hans hätte irgendeinen groben Fehltritt begangen, der Tochter des Bauern ein Kind gemacht oder einem Ferkel die Kehle durchgeschnitten. Oder der Friedl hätte, was eine noch größere Unvorstellbarkeit war, von sich aus den Wunsch nach Versetzung geäußert.

Ein Angestellter der Raiffeisenbank, vom Friedl oft als Vetter begrüßt (wie gesagt, es gab viele, die er Vetter genannt hat), äußerte die Ansicht, dass der Friedl von dem Bauern, der ihn als Säugling weggegeben hatte, weil sein Kopf nicht gut war, zurückverlangt worden sei. Jedenfalls lebte der Friedl jetzt in einem anderen Ort, und die Leute hätten ihn sicher über kurz oder lang vergessen, wenn er nicht jeden Sonntag und manchmal sogar an Wochentagen zurückgekehrt wäre.

Er stieg aus dem Postautobus, ging im Ort herum, grüßte nach links und nach rechts, schaute den Kartenspielern über die Schultern, nippte an seinem Achtel Weiß und stieg wieder in den Postautobus. Anfangs wurde er öfters gefragt, warum er jede Woche die Strapazen einer so langen Reise auf sich nehme (es waren nicht mehr als fünfzehn Kilometer, aber der Autobus machte bei jeder größeren Scheune Halt und brauchte eine geschlagene Stunde, im Winter, wenn Schnee lag, noch länger).

Er gab zur Antwort, er komme wegen seiner Freunde und Bekannten, hier habe er doch so viele Freunde, im anderen Dorf kenne er keinen Menschen, und niemand grüße ihn, und auf dem Bauernhof sei es langweilig, weil es wenig Arbeit gebe, "immer nur Holz hacken" , sagte er.

Später dachten die Leute gar nicht mehr an seine Reisen. Der Friedl Hans gehörte zum Ortsbild wie seit ewigen Zeiten, und das entsprach sicherlich seinem Wunsch.

Trotzdem geschah eines Tages etwas Merkwürdiges. Der Friedl hatte im Tankstellenbuffet nicht ein, sondern fünf oder sechs oder wer weiß wie viele Achtel Weiß getrunken. Man hat ihm nicht viel angemerkt, nur ist er dann irgendwann auf der Sitzbank eingeschlafen. Und als nur noch vier einsame Spieler ihre Karten und Geldscheine auf den Tisch blätterten und der Tankstellenwirt hinter der Theke längst vor sich hin döste, kamen drei Burschen, auch sie schon betrunken, verlangten vom Wirt eine "letzte Runde" , der sie ihnen mit dem Hinweis auf das Schild über seinem Rücken verweigerte.

Sie bereuten die Tat

Nachdem sie in ihrem Störungsbedürfnis versucht hatten, die abgebrühten Kartenspieler aus der Ruhe zu bringen, zündeten sie mit einem Feuerzeug das Hosenbein des schlafenden Friedl an und gingen nach Hause.

Die Kartenspieler und der Wirt bemerkten es erst, als er schon am ganzen Leib brannte. Als es ihnen gelang, das Feuer mit Tischtüchern zu ersticken, waren seine Haare und Wimpern verschmort. Er ist aber nicht an den Verbrennungen gestorben, sondern an Herzversagen, wie der Gemeindearzt feststellte. Die drei Burschen bekannten sich schuldig und bereuten vor Gericht ihre Tat. Es konnte nicht festgestellt werden, wer von ihnen den Friedl Hans eigentlich angezündet hatte, weil sie zu betrunken waren und sich an die Einzelheiten nicht erinnern konnten.

Der Tankstellenwirt sagte, man könne von Glück sprechen, dass das Feuer nicht auf das Lokal und die Tankstelle übergegriffen habe. Seine Gäste und er hätten eine Katastrophe verhindert. Die drei Burschen sind mit bedingten Strafen davongekommen. (Leopold Federmair, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.01.2010)

Zur Person:
Leopold Federmair, geb. 1957 in Wels, lebt als Schriftsteller in Wien. Von ihm erschien zuletzt der Roman "Ein Fisch geht an Land" (2006) und "Ein Büro in La Boca" (2009).

  • ... er komme wegen seiner Freunde und Bekannten, hier habe er doch so
viele Freunde, im anderen Dorf kenne er keinen Menschen, und niemand
grüße ihn, und auf dem Bauernhof sei es langweilig.
    foto: corn

    ... er komme wegen seiner Freunde und Bekannten, hier habe er doch so viele Freunde, im anderen Dorf kenne er keinen Menschen, und niemand grüße ihn, und auf dem Bauernhof sei es langweilig.

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