Der Ball ist schlechthin böse

22. Jänner 2010, 14:32
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Warnung vor einer saisonalen "Belustigung"

Hassen Sie diese Kolumne? Wollen Sie mich bestrafen? Ich habe einen Tipp für Sie: Schenken Sie mir eine Ballkarte. Ein Ball und ich, das passt so gut zusammen wie Faust und Auge, Feuer und Wasser, der Scheuch-Uwe und der Bucher-Seppi.

Obwohl ich Bälle hasse, war ich mehrmals in meinem Leben gezwungen, einen Ball zu besuchen. Ich erinnere mich genau und mit Schrecken. Jeder Ball beginnt mit dem Kauf einer überteuerten Eintrittskarte, durch die man das Recht erwirbt, zu überhöhten Preisen Würstel und Pikkolo-Sekt zu konsumieren. Doch zur Verköstigung später. Erst muss man sich, unbequemst adjustiert, in einer mürrischen Menschentraube an der Garderobe anstellen, ehe man lustlos in den Ballsaal vordringt.

Jeder Ball leidet an einem Missverhältnis zwischen der Besucherzahl und seinem Fassungsvermögen. Gibt es wenig Gäste und viel Raum (wie im Ballsaal in Kubricks Shining), beschleicht mich ein Gefühl existenzieller Verlorenheit. Gibt es, was häufiger vorkommt, viele Gäste und wenig Raum (wie beim Schulball in De Palmas Carrie), fühle ich mich beklommen. Die Ballgäste schwätzen und schwitzen. Die Bigband macht einen Mordsradau. Beim Walzertanzen rotieren wildfremde Leute links und rechts an mir vorbei und fahren mir mit behandschuhten Fäusten ins Gesicht. Meist trete ich dann aus schierer Nervosität einer Dame auf die Kleiderschleppe und muss aufs WC fliehen, wo betrunkene Frackträger am Pissoir Häuslschmähs austauschen. Manchmal kotzt auch einer.

Als Ausweg winkt die Bar. Doch Versuche, sich zu betrinken, fallen schwer und kommen teuer, weil anstelle seriöser Krügel nur 0,25-Liter-Fläschchen Bier zum Preis von sechs Euro erhältlich sind. Vorglühen hätt' man halt sollen. Wenn es ganz blöd hergeht, werden um Mitternacht Preise verlost (meist Wellness-Wochenenden und Busfahrten nach Südtirol).

Danach bemerke ich, dass ich meinen Garderobenzettel verloren habe. Beim letzten Ball musste ich mich unter den konsternierten Blicken des Personals im Halbdunkel durch eine Garderobe mit 500 Mänteln hindurchfummeln; zum Glück war schon der 463. der meine. Hassen Sie diese Kolumne? Schenken Sie mir eine Ballkarte. Ob für den Jäger-, Förster-, Bäcker-, oder Medizinball - egal. Für mich ist garantiert jeder ein Gräuel. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.01.2010)

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    foto: cremer
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