"Das 20. Jahrhundert verschlafen"

22. Jänner 2010, 17:00
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Der amerikanische Weg zu arbeiten steckt tief in einer Krise - Ein Gespräch mit dem US-Soziologen Richard Sennett

Der amerikanische Weg zu arbeiten steckt tief in einer Krise: Mit dem US-Soziologen Richard Sennett sprachen Jenny Friedrich-Fraska und Karola Klatt.

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STANDARD: Sie haben eine Menge Gemeinsamkeiten mit Barack Obama: Sie stammen beide aus Chicago, sehen gut aus und haben wichtige Dinge zu sagen ...

Sennett: Oh nein, nein. Er sieht viel besser aus!

STANDARD: Sie beide haben einen sozialen Aufstieg hinter sich. Sie lebten in Ihrer Kindheit einige Jahre in einem Chicagoer Armenviertel. Heute sind Sie ein weltbekannter Soziologe. Sind Barack Obama und Sie nicht gute Beispiele für den Weg nach oben?

Sennett: Ich möchte lieber kein Beispiel sein. Aber auch Obama ist der Armut nicht entflohen. Er kommt aus einer sehr gebildeten Familie und ging auf sehr gute Schulen. Das ist in der afroamerikanischen Gesellschaft von Bedeutung, daher ist er dort mit seiner Herkunft auch kein Vorbild. Aber seine Frau ist es. Michelle ist tatsächlich in sehr bescheidenen Verhältnissen groß geworden und entspricht der Vorstellung von den unbegrenzten Möglichkeiten, die Menschen in Amerika haben.

STANDARD: Gibt es den Amerikanischen Traum noch? Kann man vom Tellerwäscher zum Millionär werden?

Sennett: Die Geschichte vom Selfmademan ist im Großen und Ganzen eine Fantasie über Mobilität. Für jene, die schon seit Generationen hier leben, sieht es mit dem Wahrheitsgehalt dieser Vorstellung nicht sehr gut aus. Für die meisten ist die Mobilität nach unten wahrscheinlicher als die nach oben. Aber für Immigranten spielt die Mobilität nach oben noch eine große Rolle, und da funktioniert sie auch. Einwanderer steigen in den Vereinigten Staaten eher von der Arbeiterklasse in die Mittelschicht auf. Die Koreaner sind ein herausragendes Beispiel dafür: Bei ihrer Ankunft zumeist wirklich benachteiligt, gelingt es ihnen oft, ein normales Leben in der Mittelklasse aufzubauen. Das gilt auch für viele Menschen aus Mittelamerika.

STANDARD: Wie gehen die Amerikaner damit um, dass der Amerikanische Traum sich fast nur noch für Einwanderer erfüllt?

Sennett: Haben Sie die Filme von Spike Lee gesehen?

STANDARD:  Ja.

Sennett: Dann kennen Sie die Antwort: Die höhere soziale Mobilität der Einwanderer führt zu Ressentiments ihnen gegenüber. Das ist einer der Gründe, warum der 3000 Meilen lange Zaun an der Grenze zu Mexiko gebaut wird: um die mexikanischen Arbeiter draußen zu lassen, die darauf brennen, zu arbeiten und gebraucht werden. Aber es gibt so viel Feindseligkeit, zum Beispiel in der amerikanischen Rechten. Ausländer werden für die zur Obsession.

STANDARD: Warum funktioniert das Prinzip Selfmademan bei den Immigranten, aber nicht mehr bei den in Amerika Geborenen?

Sennett: Immigranten sind sehr unternehmerisch orientiert. Man braucht schon eine gewisse Energie und Antrieb, um die eigene Kultur zu verlassen und in ein fremdes Land zu gehen. In unserer Vorstellung sind Immigranten oft arbeitsunfähige Subjekte, die von den Gezeiten der Geschichte irgendwohin gespült worden sind. In Wahrheit aber sind die meisten Einwanderer, die aus wirtschaftlichen Gründen immigriert sind, in hohem Maße kämpferisch und voller Energie. Das sind keine Menschen, die zugrunde gehen. Sie haben einen sehr starken Willen.

STANDARD: Gibt es bei den weißen Amerikanern einen Mangel an Willen und Energie? Wir haben hier eher den Eindruck, die Amerikaner seien sehr motiviert, energiegeladen und sportlich.

Sennett: Wenn ein Volk durch Sport gesunden könnte, dann wären die Amerikaner ein sehr gesundes Volk. Das Problem mit dem Sport ist: Es können nur ganz wenige darin sehr erfolgreich sein. Aus dem gleichen Grund ist auch Barack Obama als Vorbild problematisch. Man kann natürlich sagen: Wenn ein schwarzer Mann Präsident werden kann, dann können das alle Schwarzen. Er ist aber nur einer von 300 Millionen Amerikanern.

Die Kommunen haben es versäumt, den armen, den schwarzen und den lateinamerikanischen Kindern sehr viel bodenständigere Signale zu geben, was aus ihnen werden könnte. Das ist wiederum etwas, das die Koreaner gut können. Das Vorbild ihrer Eltern zeigte diesen Kindern: Du musst dich anstrengen und es einmal besser haben. Wir widmen unser Leben deiner Vervollkommnung in der nächsten Generation.

STANDARD: In Ihrem Buch "Handwerk" beschreiben Sie einen grundlegenden menschlichen Impuls: den Wunsch, eine Arbeit nur um ihrer selbst willen gut auszuführen. Identifizieren sich die Amerikaner noch mit ihren Jobs?

Sennett: Nicht viele. Geschätzte 40 Prozent der Jobs, die in den letzten 20 Jahren entstanden sind, sind McJobs, also niedrigste Dienstleistungen. Darin Erfüllung zu finden, ist sehr schwer. Hier kommt wieder die Konkurrenz zwischen Ausländern und Einheimischen ins Spiel, weil viele der Dienstleistungsjobs, die eine Lehre erfordern - etwa im Gesundheitswesen - an Ausländer gehen.

Diese haben ihre Fähigkeiten in einem anderen Land erworben und kommen damit in die USA. Sie sind mit weniger Lohn zufrieden, weil der immer noch höher ist als das, was sie zu Hause verdienen. Ich habe versucht herauszufinden, was das für Menschen sind, die Computerreparaturen anbieten, ein modernes Handwerk. 40 Prozent der Menschen, die darin ausgebildet sind, wurden nicht in den USA geboren.

STANDARD: Welche Einstellungen müssen sich bei den Amerikanern denn verändern?

Sennett: Amerikaner sind weder dumm noch faul. Sie leben nur leider in einer Kultur, die es versäumt hat, ihnen dabei zu helfen, Fähigkeiten herauszubilden, die man braucht, um in der modernen Welt zu überleben. Ich bin sehr besorgt darüber, dass dieses Land nicht sehr gut gerüstet ist für die Herausforderungen, die sich ihm stellen. Im letzten Jahr gaben die Schuldistrikte 600-mal mehr Geld für den Bau von Sportanlagen aus als für wissenschaftliche Labore. Genau hier muss sich in der politischen Kultur etwas ändern.

Damit solche Entscheidungen anders ausfallen, muss man die Werte der Menschen verändern. Vielleicht wird die Arbeitsmarktkrise die Menschen dazu bringen, stärker darauf zu achten, dass ihre Kinder lesen lernen und grundlegende Fähigkeiten in Mathematik und im Schreiben erwerben. Das könnte tatsächlich ein Effekt der Krise sein - wenn die Amerikaner nur nicht diese seltsame Fahrlässigkeit gegenüber den Grundlagen von Lebensqualität hätten.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Sennett: Amerikaner konsumieren Unmengen an Spielzeug, Glitzerkram und Luxusartikeln. Außerdem sind die USA im Zweiten Weltkrieg nicht so zerstört worden wie Europa. Amerika verfügte nach dem Krieg über enorme Ressourcen und eine sehr starke Wirtschaft, und für 40 oder 50 Jahre war das genug. Die Maschine lief von allein. Als sie langsam abtakelte, erlaubten massive Kredite den Menschen, weiterzukonsumieren, ohne zu erkennen, dass sie in Schwierigkeiten sein könnten. Erst in den letzten Jahren gab es ein großes Erwachen: Man sah plötzlich, dass man auf einer Zeitbombe gesessen hatte. Diese Erkenntnis bedeutet, seine Lebensweise zu ändern, sparsamer zu werden und weniger zu konsumieren. Dies sind aber tief verwurzelte Gewohnheiten. Sie aufzugeben ist eine tiefe Erschütterung.

STANDARD: Die ganze Welt hofft immer noch darauf, dass Barack Obama die Vereinigten Staaten verändern wird. Sie nicht?

Sennett: Auch wenn wir wahrscheinlich den besten Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg haben, den kompetentesten und intelligentesten, ist es unmöglich, dass er allein das ganze senile System in Form bringt. Ein großer Teil unseres Sozialkapitals, die sozialen Netzwerke und Beziehungen, ist über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Eine ganze Generation hat die Kosten dafür getragen, dass das Land eine Supermacht war.

Aber das Bildungssystem zum Beispiel hat die letzten 30 bis 40 Jahre stetig abgebaut. Das sehen Sie in Europa aber nicht, weil Sie nur die amerikanische Elite sehen. Nur durch eine Veränderung an der Spitze lässt sich dieser eingetretene strukturelle Niedergang nicht umkehren. Das ist eine sehr passive Fantasterei: Jemand anderes wird es für dich richten.

STANDARD: Aber wir in Europa sehen hervorragende Universitäten wie Harvard oder Stanford, und dafür bewundern wir die USA. Ist das falsch?

Sennett: Dieses Bild führt in die Irre. Für mich sind Deutschland und Frankreich sehr viel modernere Länder als die USA. Wir sind ein Land, in dem immer noch die Hälfte der Menschen glaubt, dass man die Bibel wörtlich nehmen muss und es die Evolution nicht gibt. Diese Art der Ignoranz mit Harvard, Stanford und den anderen Top-Universitäten in Einklang zu bringen fällt schwer. Die Kultur der USA ist für die Außenwelt sehr irreführend. Schon deshalb wird das Land keine Führungsrolle in der Welt mehr spielen.

STANDARD: Sehen Sie Bereiche, in denen die USA auch in Zukunft führend sein werden?

Sennett: Wirtschaftlich sicher nicht. Die Chinesen und die Inder kommen. Es ist wahr, dass die Amerikaner das 20. Jahrhundert verschlafen haben. Selbst die Wirtschaft der EU ist größer als ihre eigene. Davor kann man nicht länger die Augen verschließen.  (DER STANDARD, Album, 23./24.1.2010)

Zur Person

Richard Sennett, geb. 1943 in Chicago, lehrt Soziologie und Geschichte an der New York University und der London School of Economics.

  • Richard Sennett: "Amerikaner haben den Großteil ihres Sozialkapitals vernachlässigt."
    foto: standard/freund

    Richard Sennett: "Amerikaner haben den Großteil ihres Sozialkapitals vernachlässigt."

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