"Dienstrechtlich kann gar nichts passieren"

21. Jänner 2010, 13:07
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Bildungsstandard-Projektleiterin Friedl-Lucyshyn über erfolglose Lehrer und eine neue "Aufgabenkultur"

2012 wird es so weit sein: Die Schüler der vierten Klassen an Hauptschulen und Gymnasien in Österreich werden zum ersten Mal flächendeckend und einheitlich auf ihre Leistungen in Deutsch, Englisch und Mathematik überprüft. Ein Jahr später wird es erstmals auch entsprechende Tests für die vierten Klassen der Volksschulen in Deutsch und Mathematik geben.

Gabriele Friedl-Lucyshyn ist am Bundesinstitut für Forschung, Innovation und Entwicklung im österreichischen Schulwesen (BIFIE) für die Prozessbegleitung bei der Einführung von Bildungsstandards zuständig. Anlässlich einer Multiplikatoren-Tagung in Salzburg diese Woche traf sie sich mit Markus Peherstorfer zum derStandard.at-Interview.

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derStandard.at: Ab Frühjahr 2012 werden Österreichs Schüler in den vierten Klassen der Hauptschulen und Gymnasien erstmals flächendeckend Bildungsstandards-Überprüfungen unterzogen, ein Jahr später wird es dann auch in den vierten Klassen der Volksschulen so weit sein. Was bringen diese Leistungsmessungen dem österreichischen Schulsystem?

Friedl-Lucyshyn: Die Bildungsstandards beschreiben nicht, welchen Stoff Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht behandeln sollen, sondern sie definieren, was an wichtigen Stellen im Schulsystem als Ergebnis da sein soll, was Schülerinnen und Schüler dann auch beobachtbar und messbar können sollen. Was sie können sollen, sind Grundkompetenzen, also jenes Wissen, jene Fähigkeiten, die sie fürs Weiterkommen im Fach und in der Berufswelt wirklich brauchen.

Damit das auch wirklich ins System kommt, sind zwei Dinge nötig: Einerseits die regelmäßige Überprüfung der Leistungen der Schülerinnen und Schüler, andererseits die so genannte Prozessbegleitung: Was passiert im Unterricht vor den Überprüfungen und was passiert vor allem danach, wenn die Ergebnisse vorliegen? Es soll jedenfalls bringen: Verbesserte Lernergebnisse, bessere Chancen für unsere Schüler, mehr Transparenz, aber auch mehr Verbindlichkeit dessen, was Schule leisten soll.

derStandard.at: Was soll sich durch die Einführung der Bildungsstandards konkret im Unterricht ändern?

Friedl-Lucyshyn: Es soll mehr Nachhaltigkeit geschaffen werden. Das heißt: Es sollen Kompetenzen so aufgebaut werden, dass sie zum entscheidenden Zeitpunkt auch abrufbar sind. Viele Kolleginnen und Kollegen leisten da schon ausgezeichnete Arbeit, aber ich denke, es gibt noch einiges zu verbessern.

Wir wollen davon wegkommen, dass wir über Aufgabenstellungen im Unterricht und in Prüfungssituationen flüchtig angelerntes Inhaltswissen überprüfen - weg vom mechanischen Reproduzieren, hin zu einer Aufgabenkultur, die Schülerinnen und Schülern ihre eigenen Lösungswege, die Anwendung von Wissen in möglichst vielfältigen und lebensnahen Situationen ermöglicht.

Zum Beispiel: Eine Lehrerin gibt eine Hausübung. Und anstatt den Schüler nur mehr die Verbesserung schreiben zu lassen, indem er kopiert, was die Lehrerin ihm schon als Lösung geliefert hat, markiert sie nur einmal jene Passagen, die verbesserungswürdig sind. Damit sollte der Schüler anhand der Regeln die Aufgabe selbst richtigstellen können.

derStandard.at: Wie wollen Sie den Lehrern diesen kompetenzorientierten Unterricht schmackhaft machen?

Friedl-Lucyshyn: Es ist unsere Aufgabe, Lehrerinnen und Lehrern Materialien, Instrumente, Konzepte zur Verfügung zu stellen, die möglichst ohne großen Mehraufwand einsetzbar sind und die hoffentlich zu verbesserten Lernergebnissen führen. Das sind zum Beispiel Aufgabensammlungen, die auf unserer Homepage abrufbar sind. Wir haben auch Videovignetten produziert, die anhand von gefilmten Unterrichtssequenzen Kompetenzaufbau im Fach veranschaulichen. Die sind in der Lehrerausbildung, aber auch in der Arbeit von Fachgruppen am Standort einsetzbar.

Ein ganz wichtiges Instrument, das eine wirkliche Innovation im österreichischen Schulwesen darstellt, sind so genannte Diagnoseinstrumente. Das sind Sammlungen von Aufgaben, die ähnlich aufgebaut sind wie die Standards-Überprüfungen selbst. Die Schülerinnen und Schüler bearbeiten diese Aufgabenstellungen online, und Lehrerinnen und Lehrer bekommen innerhalb einer Woche eine Rückmeldung über den Lernstand einerseits der Klasse, aber auch jedes einzelnen Schülers, und das nicht nur auf das ganze Fach bezogen, sondern differenziert nach den einzelnen Aspekten eines Fachs.

Zum Beispiel bekommt der Lehrer beim Schreiben in Deutsch präzise zurückgemeldet, wie gut Schüler bei der Gliederung von Texten sind, in der Wortwahl, im Satzbau, in der Rechtschreibung. Er kann dann sowohl seinen ganzen Unterricht nachsteuern als auch, wenn er eine besondere Schwäche an einem Schüler wahrnimmt, sich halt besonders um diesen Schüler kümmern. Das ist ein Selbstevaluierungs-Tool für den Lehrer, die Ergebnisse erfährt sonst niemand. Es ist nicht der Sinn, da eine Leistungsschau draus zu machen.

derStandard.at: Wie reagieren denn Lehrer darauf, wenn - überspitzt formuliert - das BIFIE daherkommt und ihnen das Unterrichten erklärt?

Friedl-Lucyshyn: Ganz unterschiedlich. Es ist nicht leicht, den Gedanken des Kompetenzaufbaus wirklich zu transportieren. Die Reaktionen reichen von fast ein bisserl beleidigt bis hin zu "Ja, das ist eigentlich genau das, was wir brauchen". Die große Diskrepanz zwischen dem, was über Jahre an Engagement in den Unterricht investiert wurde, und dem, was am Ende bei den Schülern wirklich abrufbar ist, ist jetzt oft groß. Durch die Bildungsstandards erhoffen sich viele Lehrer eine Verbesserung.

In Englisch zum Beispiel war es für mich ein Aha-Erlebnis, dass Lehrerinnen und Lehrer gesagt haben, selbst sehr gute Schüler in der vierten Klasse konnten über ganz einfache Themen, die in der zweiten Klasse behandelt worden waren, nicht mehr spontan zwei, drei Minuten plaudern. Wir behandeln immer noch zu oft ein Thema, dann wird das bei der Schularbeit abgeprüft und dann kommt das nächste Thema. Lieber ein bisschen weniger, und das sitzt dann dafür.

derStandard.at: Kritiker sagen, dass die Standards die Bildungsziele auf wenige, leicht überprüfbare Kompetenzen in den Hauptfächern einengen und andere Inhalte dadurch auf lange Sicht an den Rand gedrängt werden könnten.

Friedl-Lucyshyn: Es ist richtig, dass die Standards nur die Kernbereiche eines Fachs abdecken - jene Grundkompetenzen, die jedenfalls da sein müssen, damit ich weiterkomme -, und dass die Lehrpläne sehr viel mehr umfassen. Ich glaube aber, dass es kein geringer Anspruch ist, diese Grundkompetenzen so zu vermitteln, dass sie jederzeit vorhanden sind. Ich glaube, dass wir uns im Schulbetrieb manchmal ein bisserl überschätzen. Was ist der Sinn, wenn ich unendlich in die Breite und in die Tiefe gehe, sich das dann aber sehr bald wieder verflüchtigt?

Zum Beispiel wenn in der vierten Klasse in Englisch das Thema der nordamerikanischen Ureinwohner durchgenommen wird - das ist selbstverständlich interessant, soll auch gemacht werden. Aber es ist mindestens ebenso wichtig, dass Schülerinnen und Schüler grundlegende Alltagssituationen - einen Fahrplan lesen, nach dem Weg fragen, ein einfaches Einkaufgespräch, ein höfliches Gespräch am Frühstückstisch - nach vier Jahren Englisch abwickeln können.

Und ich wage zu behaupten: Nur wenige Absolventen der achten Schulstufe können, wenn sie das erste Mal nach England kommen, höflich sagen: "Nein danke, ich habe jetzt genug." Das halte ich für ein mindestens ebenso wichtiges Bildungsziel wie andere. Aber die Verantwortung bleibt beim Lehrer selbst. Wenn ein Lehrer sagt, na gut, dann drille ich nur mehr das - dann verfehlt er seinen Bildungsauftrag.

derStandard.at: Hat die Aufregung um zu persönliche Fragen bei einer Zusatzerhebung zur Ausgangstestung für die Bildungsstandards im Frühling diesem Projekt in der öffentlichen Wahrnehmung geschadet?

Friedl-Lucyshyn: Ich fürchte, ja. Was wir damals falsch gemacht haben, war: Wir haben nicht gut genug informiert, was da gefragt wird.

derStandard.at: Wer entscheidet denn bei den eigentlichen Bildungsstandards-Überprüfungen darüber, welche Aufgaben drankommen?

Friedl-Lucyshyn: Das ist ein ganz komplexer Prozess. Entwickelt werden die Aufgaben zuerst einmal von Lehrerinnen und Lehrern, die speziell dafür eingeschult werden. Sie werden begleitet von Testpsychologen und Fachdidaktikern an der Universität. Dann gehen sie in eine intensive Feldtestung: Sie werden an Schülerinnen und Schülern erprobt, durchlaufen mehrere statistische Verfahren, die zum Beispiel feststellen, ob die Aufgabenstellungen die nötige Streuwirkung haben. Es sitzen nicht zwei Lehrer in einem Kammerl und sagen: Das sind die Standards.

derStandard.at: Werden die Aufgaben für jeden Durchgang neu entworfen? Oder kann man jedes Mal die gleichen Fragen stellen?

Friedl-Lucyshyn: Die Aufgabenstellungen gehen ja, im Unterschied zur Zentralmatura, nicht in die Öffentlichkeit. Die sehen nur die Schüler. Das heißt: Man muss sie nicht alle austauschen. Es wird immer ein bestimmter Prozentsatz neuer Aufgaben hineingemischt, wobei das von Fach zu Fach unterschiedlich ist.

derStandard.at: Für Schüler haben die Ergebnisse der Bildungsstandards-Tests ja keine Auswirkungen auf die Notengebung, für Lehrer können sich sehr wohl Folgen ergeben. Können Lehrer bei diesen Tests schummeln?

Friedl-Lucyshyn: Nein, schummeln in diesem Sinn nicht, denn sie kennen ja die Standards-Überprüfungen nicht. Sie können die Schüler im Lauf von vier Jahren gut vorbereiten, indem sie diese Grundkompetenzen aufbauen. Die Überprüfungen beziehen sich ja nicht auf den Stoff des letzten halben Jahres, diese Kompetenzen kann man nicht durch ein paar Beispiele drei Wochen vor der Testung aufbauen. Die sind entweder da - und dann kann der Lehrer oder die Lehrerin vorher noch einmal einiges festigen - oder nicht.

derStandard.at: Welche Konsequenzen kann es denn für einen Lehrer geben, der bei den Überprüfungen immer schlecht abschneidet? Oder für eine Schule, die im Vergleich zu ähnlichen Schulen immer schlecht abschneidet?

Friedl-Lucyshyn: Sie sprechen einen sehr heiklen Punkt an. Dienstrechtlich kann einem Lehrer gar nichts passieren. Ein Lehrer muss nur dann mit Konsequenzen rechen, wenn er das Dienstrecht gravierend verletzt. Ein Lehrer bekommt im Idealfall Unterstützung dabei, sich zu verbessern. Der Schulleiter kann ihn immer wieder dazu auffordern, an sich zu arbeiten, in Fortbildungen zu gehen, ihn hospitieren - das ist sicher keine besonders angenehme Situation.

Das ist sozusagen eine Reform "soft". Ich weiß auch, dass manche Leute das kritisieren. Die sagen, es müsste eine verpflichtende Rechenschaftslegung von Seiten der Schulleitungen bestehen. Wenn ein Schulaufsichtsbeamter so dynamisch ist, dass er von Schulen, wo sich Schwächen zeigen, einen Maßnahmenkatalog fordert, dessen Erfüllung er dann auch überprüft - dann passiert das, was passieren soll. Aber eine gesetzliche Verpflichtung dazu besteht nicht. Das liegt an den handelnden Personen. Aus unserer Sicht wäre eine Verbindlichkeit dieser Rechenschaftslegung notwendig. Das ist der Punkt, der noch fehlt.

derStandard.at: Lohnen sich jene 42 Millionen Euro, die die Einführung der Bildungsstandards bis 2014 insgesamt gekostet haben wird?

Friedl-Lucyshyn: Sie werden von mir sicher nicht erwarten, dass ich Nein sage. Erst in zehn Jahren wird man sagen können, in welchem Ausmaß die Bildungsstandards zu einer Verbesserung im Schulsystem geführt haben. Es ist sicher ein längst fälliger Schritt gewesen. Wir waren eines der letzten europäischen Länder, wo an keiner Schnittstelle des Schulwesens geschaut wurde, wo wir hingekommen sind. Österreich ist jetzt wach geworden und setzt sich damit auseinander. (derStandard.at, 21.01.2010)

Zur Person:

Gabriele Friedl-Lucyshyn leitet im Bundesinstitut für Forschung, Innovation und Entwicklung im österreichischen Schulwesen (BIFIE), das seinen Hauptsitz in Salzburg hat, das Zentrum für Innovation und Qualitätsentwicklung in Wien. Dort ist sie für eine Reihe von Projekten verantwortlich, die mit der Einführung der Bildungsstandards zu tun haben. Bevor sie in die Schulaufsicht wechselte, war Friedl-Lucyshyn AHS-Lehrerin.

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