Musik für den Buchhandel

20. Jänner 2010, 19:10
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"Vexations", das neue Album von Get Well Soon - Liveauftritt am Samstag im Rahmen des FM4-Geburtstagsfests

Wien - So, so, aha. Ein Konzeptalbum über Stoizismus also. Wie alt ist der nochmals, dieser Konstantin Gropper? 27? Ah ja. Lieb. Und wie der schon aussieht. Und dann ist er noch was, Absolvent einer - Pop-Akademie? Oooh! Tatütata! Du kleiner Streber, du. Hast du auch dein Elton-John-Referat gut vorbereitet?

Keine Frage, das alles steht dem Genie-Gedanken der Kunst, wie wir ihn lieben und fordern, diametral entgegen, dem blutenden Irrsinn der Wahrhaftigkeit sowieso. Ein Gegenmittel bräuchte es da, eine Schutzimpfung, ein Gesetz! Pop soll ein wild wuchernder Urwald sein, keine parzellierte Schrebergartensiedlung voller Popbeamter! - Schnitt.

In der auf Oberflächlichkeiten und den schnellen Reiz abzielenden Popkultur bleibt der Blick schon wegen seines Äußeren an Konstantin Gropper hängen. Denn so wie sich der deutsche Multiinstrumentalist, der als Get Well Soon veröffentlicht, seit seinem Debütalbum mit dem geschwätzigen Titel "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" inszeniert, wirkt er etwas, na ja, wunderlich.

Konterrevolution

Gropper sieht aus, als beschäftige er denselben Stilberater wie der deutsche Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. Und der ist definitiv gegensexy! Geölte Haare, Teetrinkeranzüge und Konditoreibesucher, Stecktücher, großbürgerliches Biedermeier. Unter dem Titel "Konterrevolution" widmete sich das Magazin der Süddeutschen Zeitung zuletzt derlei Erscheinungen, die ihre unbotmäßig toleranten Eltern, die Punk, Techno und HipHop längst verdaut haben, nun damit schockieren wollen sollen.

Ob diese Neokonservativen beim Teegespräch oder während der Mußestunde nun die neue Get-Well-Soon-Platte Vexations hören, muss dennoch bezweifelt werden. Zwar tauchen im Laufe der guten Stunde, die Groppers am Freitag erscheinendes zweites Album dauert, Sartre, Werner Herzog, das Römische Reich, Georg Büchner, Moby Dick und Peter Sloterdijk auf, doch der Schöpfer selbst gibt Entwarnung.

Auf "Vexations" sei nicht alles manifesttreu zu lesen, der frühere Philosophie-Student (abgebrochen, also doch nicht so ein Streber) zieht diesbezügliches Wissen nur als losen Leitfaden heran, um seinen Songs Bedeutungsschwere zu verleihen, sie ihnen buchstäblich anzudichten.

Das liest sich bisher natürlich alles so verführerisch wie Rizinusöl auf leeren Magen. Die Resultate des etwas ausdruckslos dreinblickenden Musikers sind aber alles andere als unbekömmlich. Entgegen dem bleiern wirkenden Überbau klingt Groppers Musik durchaus leichtfüßig. Wurde auf dem Debüt noch in Richtung des enigmatischen Scott Walker und dessen dreiminütigen Schmerzensopern geschielt, wendet sich Vexations nun - trotz allem - dem Leben zu. Die dozierte Gelassenheit der Stoiker hält Gropper dabei nicht ein. Zu fein- wie vielgliedrigem Pop, den man von den Tindersticks oder The Divine Comedy kennt, erweist sich Gropper als emphatisch vortragender Sänger, als epischer Arrangeur, dessen Liedgut auch noch von der Leichtigkeit französischen Sixties-Pops nascht.

Das war beim Erstling schon so erstaunlich wie erhebend, hielt aber nicht über die volle Länge. "Vexations" (Universal) wirkt nun nicht mehr, als wäre es zwei Nummern zu groß geplant. Satte Orgeln, erhabene Hörner, Melodien in Cinemascope und die patinierte Produktion ergeben ein dichtes, geschlossenes Album - das im günstigsten Fall auch den Buchhandel freut. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.1.2010)

 

Get Well Soon live: Am 23. 1. im Rahmen des FM4-Geburtstagsfests. Wiener Arena, 1030, Baumgasse 80. Ab 18.00

  • Junger Mensch ganz alt: Konstantin Gropper
    foto: universal

    Junger Mensch ganz alt: Konstantin Gropper

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