"Wir gegen die da in Washington"

20. Jänner 2010, 18:28
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Senator-Wahl in Massachusetts: Republikaner triumphieren, Demokraten suchen Erklärungen

Nach dem Wahlsieg der Republikaner in Massachusetts schrillen im Weißen Haus die Alarmglocken. Barack Obamas Berater wollen mehr auf die Sorgen der Bürgern eingehen und verlorene Wählerschichten wiedergewinnen.

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Das strahlende Lächeln spricht Bände, die heitere, fast alberne Stimmung erst recht. Ausgelassen spricht Scott Brown von seinen beiden Töchtern, erst von Arianna, dann von Ayla, die es bei American Idol bis ins Halbfinale schaffte. "Beide sind noch zu haben", ruft er beschwingt, bevor er sich den theatralischen Rüffel seiner Frau einfängt, weil Arianna bereits vergeben ist.

"Die unabhängige Stimme von Massachusetts hat gesprochen", jubelt er, der Republikaner, den vor zwei Monaten noch kaum einer kannte. "Dieser Sitz gehört keiner Partei, dies ist der Sitz des Volkes." Es ist die Grundmelodie einer Kampagne, die Brown vom obskuren Provinzpolitiker zum Hoffnungsträger der Konservativen aufsteigen ließ. Der Nobody hat am Dienstag vollbracht, was noch vor drei Wochen keiner für möglich gehalten hatte, wahrscheinlich nicht einmal er selber. Er hat den Senatssitz ergattert, auf dem 47 Jahre lang Ted Kennedy saß, der im August verstorbene Altmeister des amerikanischen Parlaments.

Brown ist seit 1972 der erste Republikaner, der überhaupt ein wichtiges Votum in Massachusetts gewinnt, dem liberalen Ostküstenstaat, der Barack Obama fast mit Zweidrittelmehrheit ins Weiße Haus delegierte. "Ich gegen die Maschine", lautete der Slogan des 50-jährigen Anwalts, der sich in seinen Pick-up setzte, um bis in die abgelegensten Dörfer zu fahren. Uramerikanischen Rebellengeist wollte er schüren. "Wir hier gegen die da in Washington": Geschickt schwamm der Außenseiter auf der populistischen Welle.

Brown kam auf 52 Prozent, die Demokratin Martha Coakley erhielt 47 Prozent, ein Prozent entfiel auf Joe Kennedy, einen Libertären. Entscheidend war, dass unabhängige Wähler, weder Republikanern noch Demokraten verpflichtet, in Scharen konservativ stimmten (siehe Artikel unten). Es ist dieselbe Wählergruppe, der Obama den Einzug ins Oval Office verdankt. Dass sie so schnell und gründlich umschwenkt, lässt im Weißen Haus die Alarmglocken läuten. David Axelrod, der Strategieberater des Präsidenten, spricht von den Sorgen der Mittelklasse, von der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Und von Konsequenzen. "Wir müssen den Leuten besser klarmachen, dass ihre Sorgen jeden Tag im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen."

Wie so oft gibt es zwei Lesarten des Überraschungscoups, je nachdem, aus welcher Partei sie kommen. Manche Demokraten schieben allein der Kandidatin die Schuld in die Schuhe, die mitunter den Anschein erweckte, als werde ihr der "Kennedy-Sitz" schon irgendwie in den Schoß fallen, als sei anderes gar nicht denkbar in Massachusetts. Coakley, eine Staatsanwältin, auf deren kundige, sachliche Art Insider Loblieder singen, ließ Gespür für Stimmungen und wohl auch das letzte Quäntchen Einsatzwillen vermissen.

Als sie von Journalisten gefragt wurde, ob sie sich nicht stärker ins Zeug legen müsse, wies sie die Idee als "lächerlich" zurück. Ob sie denn in der Winterkälte draußen herumstehen und Hände schütteln solle? Genau das hat ihr Rivale getan. Brown, den das Magazin Cosmopolitan einst unter der Rubrik "Sexiest Man in America" nackt auf dem Titel hatte, verstand es geschickt, sich als Kumpeltyp zu inszenieren. Mit dem rustikalen Pick-up als Markenzeichen gab er sich als Freund Joe Sixpacks, des sprichwörtlichen Normalverbrauchers mit dem Sechserpack Bier.

Wofür er steht, das sind alte Positionen der Konservativen, die schneller wieder en vogue sind, als man es angesichts der drückenden Erblast der Ära Bush annehmen konnte. Brown predigt niedrige Steuern, einen schlanken Staat, amerikanischen Individualismus und - ein Nein zur Gesundheitsreform. Er profitiert von einer Mischung aus Ernüchterung und Ungeduld.

Obwohl der Fiskus viele Milliarden ausgab, um Banken zu retten, die Konjunktur anzukurbeln oder marode Riesen wie General Motors aufzupäppeln, verharrt die Arbeitslosenquote noch immer bei rekordverdächtigen zehn Prozent. Viele sehen nicht, was die teuren Programme bringen. Ergo richtet sich ihr Frust gegen "big government", einen Staat, der vermeintlich zu viel an sich reißt und dabei immer höhere Schulden anhäuft. Die Gesundheitsreform, von ihren Kritikern als dirigistisches Monstrum hingestellt, gilt dafür als aktuellstes Symbol. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2010)

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     Der leutselige Anwalt Scott Brown holte 30 Punkte Rückstand auf.

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    Martha Coakley gilt als kundige Staatsanwältin, ihren Wahlkampf führte sie allerdings lausig.

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