Sozialer Stress stört hormonelle Harmonie

19. Jänner 2010, 19:25
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Graugänse können in Partnerschaften sogar ihren Hormonhaushalt aufeinander abstimmen

Wichtig ist dabei allerdings, dass sie in Ruhe gelassen werden, wie österreichische Verhaltensforscher herausfanden.

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Sie war 21 Jahre alt, er sogar 23, und 18 davon hatten die beiden gemeinsam verbracht, Nester gebaut, Nachwuchs aufgezogen, Seite an Seite auf den Wiesen des idyllischen Almtals gegrast. Ein wahrlich erfülltes Leben - für ein Gänsepaar.

Und eine perfekte Romanze? Graugänse (Anser anser) gelten zwar als monogam, doch in Liebesangelegenheiten gebärden sich diese Vögel nicht immer ganz so treu und gesittet. Ihre "Scheidungsrate" liegt bei etwa 20 Prozent, erklärt der Biologe Kurt Kotrschal im Gespräch mit dem STANDARD. Nicht miteingerechnet seien die meist nur kurzzeitigen "Probe-Ehen" unter jungen Tieren. "Je wichtiger es ist, langfristig einen Partner zu haben, desto wichtiger ist es, auch zu testen", sagt der Forscher.

Kotrschal ist Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstation im oberösterreichischen Grünau, im Tal des Flusses Alm. Seit 1974 ist die beeindruckende Gebirgslandschaft auch Heimat für eine heute etwa 140-köpfige Graugänseschar, die dort von Konrad Lorenz höchstpersönlich zu Forschungszwecken angesiedelt wurde. Die Tiere leben vollkommen frei, sind aber gleichzeitig durch Fütterungen und ständige Besuche an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt. Handzahme Vögel in einem weitestgehend natürlichen Lebensraum: ideale Bedingungen für Verhaltensstudien.

Homosexuelle Paarbildung

Es ist also nicht verwunderlich, dass die bisher in Grünau getätigten Forschungsarbeiten zu einer Fülle von verblüffenden Erkenntnissen über das komplexe Verhalten von Graugänsen führten. Die gefiederten Fastvegetarier neigen zum Beispiel stark zu gleichgeschlechtlicher Paarbildung. Vor allem ältere, verwitwete Ganter tun sich oft zusammen.

Das könne man durchaus als Homosexualität bezeichnen, sagt Kurt Kotrschal, obwohl er den Forschungsfachbegriff "Homosozialität" bevorzugt. "Es ist eine soziale Wartestrategie", so der Wissenschafter. "Wenn man keinen Partner hat, steht man ganz unten in der sozialen Rangordnung."

Das hat ernste Folgen: Die Rangniedrigsten haben weniger Zugang zum Futter und fallen als Randgruppe auch eher den im Almtal häufigen Füchsen zum Opfer. "Männchen-Männchen-Paare sind dagegen sehr durchsetzungskräftig", erzählt Kotrschal. Oft trennen sie sich aber nach relativ kurzer Zeit wieder. "Dann gibt's eine Riesenschlägerei."

Eine weitere Besonderheit ist die offenkundige Fähigkeit von Graugans-Partnern, ihren Hormonhaushalt aufeinander abzustimmen. Das eingangs erwähnte Langzeit-Gänsepaar hatte seinen natürlicherweise schwankenden Testosterongehalt im Blut praktisch synchronisiert. Dies wurde von Kotrschals Kollegin Katharina Hirschenhauser durch Konzentrationsmessung von hormonellen Abbauprodukten im Gänsekot nachgewiesen.

Bei einer systematischen Untersuchung von insgesamt 23 Paaren stellte sich heraus: Die Gänsepartner, die ihren Testosteronhaushalt am besten aufeinander abstimmen können, haben den größten Fortpflanzungserfolg (vgl. Ibis, Bd. 141, S. 577). Mehr Nachwuchs dank hormoneller Harmonie? Vielleicht. Ein kausaler Zusammenhang sei noch nicht belegt worden, betont Kurt Kotrschal. Bei anderen Tierarten wurde gleichwohl Ähnliches beobachtet. Es scheine bei monogamen Wirbeltieren üblich zu sein, dass bei erfolgreichen Paaren die sogenannten Androhormone synchronisiert sind.

Doch ist der Einklang des Testosteronhaushalts zweier Partner die Grundlage oder die Folge einer harmonischen Beziehung? "Das wissen wir nicht", sagt Kotrschal. Bei Hormonen lassen sich Ursache und Wirkung nun einmal nicht entkoppeln. "Das ist eine ständige Feedback-Schleife."

Die Synchronisation ist offensichtlich auch nicht immer stabil. Im Rahmen einer neuen, unter anderem vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanzierten und vom Fachblatt "Behavioural Ecology" im Internet vorab publizierten Studie beobachteten Kotrschal und Hirschenhauser zusammen mit ihren Kolleginnen Isabella Scheiber und Brigitte Weiß, wie sich sozialer Stress auf die hormonelle Harmonie von Graugans-Paaren auswirken kann. Wenn zum Beispiel ein Ganter versucht, einem Geschlechtsgenossen die Gattin auszuspannen, gerät das betroffene Paar oft aus dem Testosteron-Takt.

Gelingende Dreierbeziehung

Anders verhält es sich dagegen bei den gar nicht so seltenen "ménages à trois" aus zwei Gantern und einem Weibchen oder einem Männchen und zwei Gänsedamen. Der Testosteronhaushalt zeigt keine erkennbare Spur von Eifersucht oder Dissonanz, alle drei Partner sind hormonell gut aufeinander abgestimmt.

Ein Zusammenhang zwischen Disharmonie und Trennungsgefahr liegt nahe, auch wenn Erstere vielleicht nur ein Indikator für eine sich anbahnende Zerrüttung ist, meint Kurt Kotrschal. Und nicht jedes Paar sei gleich anfällig. "Gute Partner können sich auch in einer turbulenten Schar gut aufeinander konzentrieren." Sie bleiben einfach im Einklang. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 20.01.2010)

 

  • Landeanflug in trauter Zweisamkeit: Graugans-Paare, die ihren Testosteronhaushalt am besten aufeinander abstimmen können, haben auch den größten Fortpflanzungserfolg.
    foto: brigitte weiß

    Landeanflug in trauter Zweisamkeit: Graugans-Paare, die ihren Testosteronhaushalt am besten aufeinander abstimmen können, haben auch den größten Fortpflanzungserfolg.

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